Mythen in Acryl

Rundlich und ausgefranst springen die gelben Punkte auf der Netzhaut des Auges herum.

Rundlich und ausgefranst springen die gelben Punkte auf der Netzhaut des Auges herum. Auf rotem Hintergrund reihen sie sich in vertikale Linien. Der eigene Blick wirft sie ungeordnet auf die Leinwand zurück. Das Gemälde der Künstlerin Emily Kame Kngwarreye erinnert an grobschlächtigen Pointilismus, bei dem nichts Gegenständliches, nur die optische Verschmelzung von Farbpunkten hervortritt. Anleihen bei Paul Klee - oder doch Jackson Pollock?

Man ist versucht, das Bild als expressionistische Kunst einzuordnen. Doch die Begriffe der europäischen Kunstgeschichte greifen hier nicht. Kngwarreye ist eine von mehr 75 Künstlern, die in der Ausstellung "Traumzeit Australia" des Art Centers Berlin bis Ende April die wohl älteste Kunsttradition der Welt zeigen. In der "Aboriginal Art" offenbart sich, wie die australischen Ureinwohner ihre Kunst vor der Entfremdung retten wollen - indem sie ihre Mythen, Symbole und heiligen Orte auf Leinwände und Fotografien bannen.

Es ist eine fremde Kultur, auf die der Ausstellungsbesucher trifft. Die Motive der auf drei Stockwerken verteilten Bilder wiederholen sich stets in abgewandelter Form. Punkte, Linien, Wellen und Kreise sind Teil der Symbolik der Schöpfungsgeschichte um die "Traumzeit" - einer Glaubensvorstellung der Ureinwohner, in der Menschen, Tiere, Pflanzen und das Land selbst untrennbar miteinander verknüpft sind. Aborigines sind Nomaden, ihre Existenz verdanken sie dem Land. Und so ist auch jedes Bild verortet. Erinnerungen an reale Stätten und damit verbundene Zeremonien bilden eine Art geistige Landkarte. Der abstrahierten Form der Gemälde wird die Fotografie entgegengesetzt, die man in der obersten Etage der Ausstellung findet. Wayne Quilliam präsentiert in 39 Bildern Aborigines-Portraits und Landschaftsaufnahmen. Es sind Dokumente einer Zivilisation, deren Ursprünglichkeit verloren geht.

Denn auch die Malerei der Aboriginal Art ist in Wahrheit eine moderne Kunst, entstanden in den 1970er Jahren. Was die australischen Ureinwohner einst mit natürlichen Pigmenten auf Baumrinde, Fellen und Felsen aufbrachten, übertrugen sie nun mit Acryl- und Aquarellfarben auf das europäisch konventionelle Format der Leinwand. Und so ist die Aboriginal Art längst zum Teil eines Kunstmarktes geworden, was auch in der Berliner Ausstellung deutlich wird: Die museale Schau wird mit Kunsthandel verbunden - jedes der Werke steht nämlich auch zum Verkauf.

Art Center Berlin , Friedrichstr. 134, Mitte. Tel.: 278 790 27 Geöffnet täglich von 11 bis 21 Uhr, bis Ende April. Eintritt: 6,50 Euro, ermäßigt 3 Euro