Als Jude im Stasi-Lager: Anatol Rosenbaum erzählt

Schonungslos ehrlich ist Anatol Held: Obwohl ihm zwei Jahre Gefängnis drohen, wegen "versuchter Republikflucht", wirft er bei seinem Schauprozess Ende Juli 1969 dem Gericht schonungslos ehrlich die Wahrheit an den Kopf: "Herr Oberrichter, dort wo das Wappen hängt, mit Hammer und Ährenkranz, sollte doch lieber das Hakenkreuz hängen.

Schonungslos ehrlich ist Anatol Held: Obwohl ihm zwei Jahre Gefängnis drohen, wegen "versuchter Republikflucht", wirft er bei seinem Schauprozess Ende Juli 1969 dem Gericht schonungslos ehrlich die Wahrheit an den Kopf: "Herr Oberrichter, dort wo das Wappen hängt, mit Hammer und Ährenkranz, sollte doch lieber das Hakenkreuz hängen. Und Sie sind nichts weiter als ein rot lackierter Nazi!" Den Preis für seine Aufrichtigkeit bekommt Anatol Held fast umgehend: "Drei Jahre verschärfter Vollzug" statt zwei Jahren Gefängnis.

Anatol Held ist 1968 ein junger Kinderarzt in Ost-Berlin. Obwohl Sohn einer SED-Kulturfunktionärin, sieht er, dass die DDR scheitert, dass der Sozialismus keine Verheißung, sondern eine Bedrohung ist - und er erinnert sich seiner jüdischen Wurzeln, die seine Eltern 1930 zusammen mit ihrem eigentlichen Familiennamen Rosenbaum abgelegt haben. Anatol will heraus aus der DDR, will in die Freiheit, nach Israel. Freunde seines Vaters sind bereit, zu helfen: Ein noch 1933 Palästina ausgewanderter Bekannter organisiert die Fluchthilfe, ein anderer Freund, inzwischen Bürgermeister eines Städtchens in Bayern, stellt falsche bundesdeutsche Pässe aus. Doch sein Mitarbeiter ist Stasi-Spitzel - daher rennt Anatol Held in eine Falle und landet vor Gericht. Bis 1970 sitzt er in Haft, im berüchtigten "Arbeitslager X" in Hohenschönhausen; 1975 kann er dann doch nach West-Berlin ausreisen, wo er wieder als Kinderarzt praktiziert.

Fast vierzig Jahre später hat Anatol Held, der 2005 seinen angestammten Namen angenommen hat, ein ganz besonderes Buch über seine Zeit als "Agent des Zionismus" (so das Gericht) in Stasi-Haft geschrieben. "Die DDR feiert Geburtstag, und ich werde Kartoffelschäler" (Lichtig Verlag, Berlin. 168 S., 14,90 Euro) gehört zu eindringlichsten Beschreibungen des SED-Regimes.

Heute Abend stellen der Autor und Hubertus Knabe, Leiter der Gedenkstätte Hohenschönhausen, das Buch vor. Anatol Rosenbaum hatte das besondere Pech, auf dem Höhepunkt der angeblich antizionistischen, in Wirklichkeit antisemitischen Propaganda der DDR die Flucht versucht - und auch noch das wahre Antlitz des "Sozialismus" benannt zu haben.

Jüdisches Gemeindehaus,

Fasanenstr. 79/80, Charlottenburg. Heute 19.30 Uhr.