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Visionär des Börsencrashs

Seit Ende September, als sich die gigantischen Ausmaße der weltweiten Finanzkrise abzuzeichnen begannen, kursiert ein Gedicht im Internet. Es beginnt mit den Worten: "Wenn Börsenkurse fallen / regt sich Kummer fast bei allen / aber manche blühen auf: / Ihr Rezept heißt Leerverkauf." Und es endet, neun Strophen darauf, wie folgt: "Aber sollten sich die Massen / das mal nimmer bieten lassen, / ist der Ausweg längst bedacht: / Dann wird bisschen Krieg gemacht."

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Mit dem Titel "Höhere Finanzmathematik" ist dieses polemische Stück Lyrik überschrieben. Zugeschrieben werden die Verse, die sich gegenwärtig lawinenartig über E-Mail und in Internetforen verbreiten, dem deutschen Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890-1935). Angeblich im Jahr 1930 soll sich der wohl wirkungsmächtigste Publizist der Weimarer Republik einen Reim auf die damalige Finanzkrise im Gefolge des so genannten Schwarzen Freitag (der Börsencrash am 25. Oktober 1929) gemacht haben. Doch das vermeintlich visionäre Potenzial dieses Gedichts, das wie eine halb ironische, halb moralische Analyse auch der derzeitigen Banken- und Börsenmalaise wirkt, ist Lug und Trug. Denn "Höhere Finanzmathematik" ist eine Fälschung. Mit dem Gedicht ist zugleich die angeblich prophetische Gabe des Dichters diskreditiert: Zwar warnte Tucholsky schon früh davor, dass die weltweite Finanzkrise, damals von den USA nach Europa schwappte, dem Erstarken der Nationalsozialisten zuarbeiten könnte. So explizit und konkret wie in diesem Gedicht jedoch, das den Beginn des Zweiten Weltkrieges zu antizipieren scheint, hat selbst der weitsichtige Berliner nie orakelt.

So hartnäckig frisst sich das Gedicht seit gut vier Wochen durch das weltweite Netz, dass sich die deutsche Kurt-Tucholsky-Gesellschaft schon genötigt fühlte, die angebliche Urheberschaft ihres Heroen zu korrigieren. Gewiss, der Mitherausgeber der "Weltbühne", der sich als gesellschaftlicher Aufklärer im Geiste Heinrich Heines verstand, habe Texte in kapitalismuskritischer Absicht verfasst, räumten die Sachwalter seines Erbes ein. So sehr seiner Zeit und deren Jargon voraus allerdings, als dass er in den Dreißigerjahren schon von "Spekulantenbrut", "Leerverkäufen" und "Derivaten" hätte schreiben können, sei er dann doch nicht gewesen. Rhetorische Anachronismen wie diese waren es schließlich auch, die einige Leser des mittlerweile schon zigtausendfach verbreiteten Poems stutzig werden ließen.

Als erdrückendes Indiz, das von Anfang an gegen eine Urheberschaft Tucholskys hätte sprechen müssen, kommt noch hinzu, dass seine Lyrik zeitlebens sehr viel sperriger war als das ihm jetzt angehängte Gedicht. So hingegen klingt ein echter Tucholsky: "Ihr, in Kellern und in Mansarden, / merkt ihr nicht, was mit euch gespielt wird? / mit wessen Schweiß der Gewinn erzielt wird? / Komme, was da kommen mag. / Es kommt der Tag, / da ruft der Arbeitspionier: / Ihr nicht. / Aber Wir. Wir." Dies ist die Schlussstrophe eines Gedichts namens "Die freie Wirtschaft", das unter dem Pseudonym Theobald Tiger am 4. März 1930 in der "Weltbühne" veröffentlich wurde. Auch diese Verse sind kämpferisch und kritisch. Aber sie sind, anders als der Fake "Höhere Finanzwirtschaft", nicht von dieser monotonen Betulichkeit, die bei einem formal konventionelleren Dichter wie Erich Kästner weit eher anzutreffen ist. Nichts gegen behäbige Paarreim-Strophen; Tucholsky indes war in ästhetischen Dingen um einiges avancierter.

Unterdes wird noch immer darüber gerätselt, wie es zu diesem Schulfall in Sachen Dichtung und Wahrheit kommen konnte. An eine Verkettung von Fehllektüren und Missverständnissen in Blogs und anderen Internetforen glauben Vertreter der Tucholsky-Gesellschaft. Mittlerweile ist ein neuer Urheber ausgemacht: der aus Wien stammende Autor Richard G. Kerschhofer, dessen Pseudonym "Pannonicus" sich auf einer Homepage findet, auf der das Gedicht "Höhere Finanzmathematik" mutmaßlich zuerst zu finden war.

Ironischerweise gehört Verseschmied Kerschhofer, der zwar nicht in der progressiven "Weltbühne", wohl aber in dem konservativen Magazin "Zeitbühne" veröffentlicht, politisch dem rechten Spektrum an. Das ist freilich nicht der einzige Punkt, in dem er sich vom engagierten Linken Tucholsky unterscheidet: Dieser habe längst nicht so saubere Reime geschrieben wie er, sagt Kerschhofer, der wahre Autor von "Höhere Finanzmathematik". Auf solche Unterschiede indes achtet man selten in einer auf Spektakel und Tempo versessenen Internetgemeinde, deren Entfesselung bisweilen ähnlich alarmierend scheint wie jene der internationalen Finanzmärkte.