Prince Denmark

Eben noch saß er gelangweilt an der Tafel und rollte etwas die Augen. Ein Höflichkeitsbesuch, eine Hochzeit, bei der er, außer der Brautmutter, keinen kennt.

Eben noch saß er gelangweilt an der Tafel und rollte etwas die Augen. Ein Höflichkeitsbesuch, eine Hochzeit, bei der er, außer der Brautmutter, keinen kennt. Bis die Braut in ihrer Rede verrät, dass ihr Vater nicht der leibliche ist. Da dämmert dem Gast, dass er eine Tochter hat, von deren Existenz er 20 Jahre lang nichts wusste. Man kann Mads Mikkelsen richtig zusehen, wie der Groschen fällt. Wie er auf seine Ex starrt, wie er sich auf die Lippe beißt und schließlich aufspringt. So sieht Glas aus, wenn es zerspringt.

In Dänemark gilt Mads Dittmann Mikkelsen - neben Ulrich Thomsen - längst als der Kinomime schlechthin. Seit dem jüngsten Bond-Film "Casino Royale" kennt nun auch die ganze Welt seinen Namen. Sie muss ihn nur noch richtig prononcieren: Mads wird wie Mess gesprochen.

Als wir ihn vergangenen Sommer zu seinem Film "Adams Äpfel" befragten, freute sich Mikkelsen noch, dass er mit seinem Sohn auf die WM-Fanmeile konnte, ohne erkannt zu werden. Als wir ihm im November erneut begegneten, zur Premiere des Bond-Films, auf der er seinen 41. Geburtstag feierte, wettete er, dass er immer noch unerkannt über den Kudamm laufen könnte. "Dazu braucht es mindestens zwei große Filme. Das klappt nur im Fernsehen, dass du mit einem Part zum Begriff wirst."

Die Lust aufs Hässlich-Sein

Er muss es wissen. Seinen ersten Auftritt hatte er als Glatzkopf in dem dänischen Thriller "Pusher". Richtig populär wurde er aber erst durch die Krimiserie "Rejseholdet" (Unit One), die von 2000 bis 2004 ausgestrahlt wurde. Fortan konnte er sich seine Rollen aussuchen, bewies aber eine gewisse Treue. Mit Nicolas Winding Refns drehte er neben zwei "Pusher"-Teilen auch den preisgekrönten Thriller "Bleeder". Für Susanne Bier spielte er erst im Dogma-Film "Open Hearts" und jetzt in "Nach der Hochzeit", der für einen Oscar nominiert wurde. Vor allem überraschte er aber mit sehr schrägen Komödien wie "Wilbur Wants to Kill Himself", "Dänische Delikatessen" und "Adams Äpfel", hinter denen stets sein Busenfreund Andres Tomas Jensen als Autor und/oder Regisseur steckte. Wer glaubt, der britische Humor sei schwarz, sieht sich getäuscht. Der dänische, speziell der Mikkelsen-Jensensche, ist noch viel derber.

Dank dieser Titel erkennt ihn zuhause inzwischen jedes Kind. Und jede Frau: Gleich mehrfach wurde Mikkelsen zum Dänen mit dem größten Sexappeal gewählt. "Endlich sprechen Sie's an", grinst er, wiegelt aber ab, dass er doch ein wenig aus dem Alter raus sei, dass die Mädchen noch ausflippten. Da kokettiert er: Diese strahlend blauen Augen, diese Wangenknochen, für die man laut "Cinema" einen Waffenschein bräuchte, und dieser unverschämt sinnliche Mund nehmen immer noch gefangen. Wie auch seine physische Aura nach acht Jahren Profi-Tanz.

Er tut in seinen Rollen indes alles, um jedem Schönchen-Image zu entgehen. In "Pusher" ließ er sich kahl scheren, in "King Arthur" versteckte er sich unter struppigem Haar und in "Adams Äpfel" hinter Vollbart und biederem Pullunder. Seine Meisterleistung aber war Schweiß-Svend, der debile, ewig transpirierende Metzger in "Dänische Delikatessen", für den er sich eine extra hohe Stirn ausdachte: "Ich wollte so hässlich aussehen wie möglich." Auch an seinem 007-Part liebte er vor allem "das Matschauge" - aus dem streckenweise Blut rann. Das Wunder von Lourdes, frotzelt er.

Ob es Absicht war, den Bond-Bösewicht mit einem Dänen zu besetzen - als Anspielung auf den unseligen Karikaturenstreit? Da sieht Mikkelsen ganz andere Zusammenhänge: "Was Bond angeht, sind die Dänen von heute die Deutschen von gestern." Schließlich habe Clemens Schick nur einen kleinen Handlanger gespielt, der zweite Böse aber war - Jesper Christensen, noch ein Däne. Mikkelsen empfindet es ein wenig als Ironie, dass er gerade durch Bond eine solche Popularität erlangt hat, wo er darstellerisch eher unterfordert ist. "Filme wie "Nach der Hochzeit' liegen mir viel mehr."

Und die will er auch weitermachen. "Ich bin kein Adler, ich bin zu alt, um durch die Welt zu jetten." Soll heißen: Er bleibt auf dem Boden, im übertragenen wie im wörtlichen Sinn. Vielleicht, wer weiß, schiebt er auch mal wieder eine große internationale Produktion ein. "Aber ich werde definitiv nicht das eine für das andere aufgeben. Dänemark bleibt meine Basis."