Film

Der Humorkönig von Hollywood

Man darf nichts dagegen haben, dass Männer sich mit "Ej, Du Vagina!" anreden, auch gut sichtbare morgendliche Erektionen in Boxershorts oder Kiffer, die ausführlich über die erotischen Vorzüge von Frauen in Uniformen philosophieren, muss man ertragen können.

- Wer es kann, hat dafür nun einen neuen Kinopapst gefunden: Den Produzenten Judd Apatow.

Erfolgreich, und zwar sehr, sind seine Filme - von "Jungfrau, 40, männlich, sucht" über "Superbad" und "Zohan". Sie sind bildgewordene Herrenwitze mit einer Spezialität, die den von deutschem Filmhumor verwöhnten erst einmal überrascht: Sie schaffen es, dabei noch ein paar tiefe Emotionen unterzubringen.

Nun lässt sich das wieder prüfen. Gestern ist "Ananas Express" ins Kino gekommen, das achte große Filmprojekt von Apatow. Es fügt dem Potpourri seiner verfilmten Brüllscherze noch einen "Action-Kifferfilm" hinzu, in dem ein lieber Gammler von zwei Mafiabanden gejagt wird - eine Art zugedröhnte Lachvariante von "Auf der Flucht".

Darin spielt Seth Rogen, dieser dickliche Normale, der in fast allen Apatow-Filmen dabei ist, den dauerbekifften Gerichtsboten Dale: Er stellt Strafbefehle und Vorladungen zu. Freunde hat er keine, außer seinem Dealer Saul (James Franco). "Ananas Express" ist eine neue, großartige Marihuana-Sorte, die Dale als erster ausprobieren darf. Dummerweise verrät sein Joint ihn, als er Zeuge eines Mafia-Mordes wird: Weil kein anderer das Supergras haben kann, jagen die Kriminellen gemeinsam mit korrupten Polizisten Dale, seinen Dealer und einen weiteren, nicht minder dümmlichen Bekannten. Etliche absurde Action-Szenen und grenzdebile Gespräche später steigen die beiden, inzwischen zu echten Freunden geläutert, aus einer Rauchwolke.

Mit solchem stolzen Unsinn dominiert der 40-jährige jüdische New Yorker nun plötzlich die Kinokomödie der USA. Immer wenn es schrill und lustig werden soll, scheint er die Finger im Spiel zu haben. Das begann vor zehn Jahren mit Ben Stillers böser Version von "Cable Guy", die Apatow produzierte, und fiel zuletzt auf bei "Leg dich nicht mit Zohan an", den er schrieb. Apatow ist der neue große Komik-Fürst seit den "Nackte Kanone"-Schöpfern Zucker/Zucker/Abrahams.

Er begann mit 17 als Stand-Up-Comedian. Studierte dann Drehbuch in Los Angeles, warf nach zwei Jahren wieder hin und wurde Gag-Schreiber. Als Produzent drehte er kleinere TV-Shows und schließlich, vor vier Jahren, "Anchorman" mit Will Farell. Mit seiner Regiearbeit "Jungfrau, 40, männlich, sucht" kam der Welterfolg. "Ananas Express" ist, wie alle seiner Filme, mehr als Slapstick: Man kann es auch als ernstes Plädoyer für die Haschisch-Freigabe lesen. Mitunter erwartet man, dass im nächsten Moment Franz Müntefering und Günther Amendt auftreten und darüber debattieren, ob nicht die Drogenfreigabe der modernere Weg sei, an dem der Staat sogar gut Steuern verdienen kann.

Allerdings wäre es ein Fehler, Apatow für einen politischen Komödianten zu halten. Die Bausteine seiner Welt: Viel Gras, viel Alkohol, ein paar harte Drogen, aber nicht zuviel; umso mehr Sex mit hübschen Unbekannten, Rasen im Auto, bei Bedarf mutwillige Zerstörung von Straßenschildern und Ähnlichem und immer wieder fremde Partys crashen, also ohne Einladung aufmischen.

Interessant daran - vielleicht ist Amerika doch nicht so prüde? - ist der überwältigende Erfolg des Apatow-Prinzips. "Ananas Express" hat seine 25 Millionen Dollar Produktionskosten in den USA schon am Startwochenende wieder reingeholt. Man muss sich nun also wieder einmal daran erinnern, dass Deutschland auch seine jüdische Humorkultur ausgerottet hat. Wir haben nur den Holzhammerhumor von Mario Barth. Apatow zeigt zwar auch Männer, die nach nackten Brüsten und ein paar Bier gieren. Aber er gibt ihnen dazu noch etwas Würde. Er lässt sie fürsorglich werden (Superbad), endlich erwachsen (Jungfrau mit 40), oder lässt sie Freundschaft entdecken (Ananas Express). So verkauft er seine Charaktere nicht für dumm, wie es Bully Herbig noch stets getan hat. Es mag nur Herrenwitz sein, aber es hat eine schöne, menschlich warme Methode in sich.

Die Weltspitze der Komik formiert sich daher nun auch um Apatow herum. Zurzeit arbeitete Apatow an einer Sherlock-Holmes-Parodie, den Detektiv wird der Borat- und Ali-G-Darsteller Sacha Baron Cohen spielen. In ein oder zwei Jahren wird auch hier zu Lande jeder Filmfan den Namen Apatow kennen - als den des neuen Humorkönigs von Hollywood.