Im aufrechten Gang

Heute wird der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann 70 Jahre alt. 1976 bürgerte das SED-Regime Biermann gegen seinen Willen aus der DDR aus.

Heute wird der Dichter und Liedermacher Wolf Biermann 70 Jahre alt. 1976 bürgerte das SED-Regime Biermann gegen seinen Willen aus der DDR aus. Seither lebt Biermann wieder in seiner Geburtsstadt Hamburg. Die Berliner Morgenpost hat Glückwünsche zum Geburtstag gesammelt.

Angela Merkel, Bundeskanzlerin

Sehr geehrter Herr Biermann,

Ihr 70. Geburtstag und der 30. Jahrestag Ihrer Ausbürgerung fallen in dieser Woche zusammen. Vermutlich kann sich jeder, der damals als Erwachsener in der DDR lebte, an die Tage nach Ihrem Kölner Konzert im November 1976 erinnern: Die Unterschriftensammlung von Schriftstellern und Künstlern gegen Ihre Ausweisung, die Verhaftungen, später die erzwungene Ausreise von Jürgen Fuchs, Sarah Kirsch, Reiner Kunze und vielen anderen. Ich glaube, nicht zu übertreiben, wenn ich sage, dass Ihre Ausbürgerung, die Ihrer aufrechten Haltung geschuldet war, einen Wendepunkt in der Geschichte der DDR markiert, der viele Bürger aufgerüttelt hat.

Vor fünf Jahren habe ich Ihr Konzert im Berliner Ensemble erlebt und viele der Lieder wieder gehört, die ich zu DDR-Zeiten nur von Tonbändern kannte. Ihre Musik und Ihre Texte haben dazu beigetragen, das Unrechtsregime der DDR zu demaskieren, und sie zeigen, wie die Kunst auf eine Gesellschaft zu wirken vermag.

Ich gratuliere Ihnen zum 70. Geburtstag sehr herzlich und wünsche Ihnen vor allem Gesundheit, persönliches Wohlbefinden und dass Sie noch viele Jahre mit Ihren Gedichten, Liedern und Texten Antworten auf die Fragen suchen, die sich jedem verantwortungsbewussten Gesellschaftsmitglied stellen!

Inge Keller , Schauspielerin

Wolf Biermann! Ich sehe Dich auf Usedom im Atelier von Niemeyer-Holstein. Ich sehe Dich spielen und singen Deinen Dra Dra Dra. Ich wünsche mir, dass Dich die Musen der Komödianten und Gaukler umarmen und küssen. Ja ja ja, so soll es sein.

Reinhard Mey, Liedermacher

In den frühen sechziger Jahren, ich hatte grade meine ersten Lieder geschrieben, widerfuhr mir das Glück des Anfängers, als ein Verlag meine frischen Manuskripte anforderte, um sie in eine Anthologie aufzunehmen. Als ich das erste Exemplar in Händen hielt, hatte ich meine erste Begegnung mit Wolf Biermann: "Soldat, Soldat!" las ich da und war überwältigt von seinen Bildern und der Kraft seiner Sprache. Ich begriff in diesem Augenblick, dass es all das, was ich in Deutschland so vermisste, Brassens, Ferré oder Vian, längst gab, ganz in meiner Nähe. Ich hätte ihm gern meine Bewunderung und meine Hochachtung ausgesprochen, aber er war in Ost- und ich in Westberlin. Dann 1976, ausgebürgert, war er plötzlich ganz nah. Gebannt habe ich sein erstes Konzert in Köln im Fernsehen verfolgt. Ich hätte ihm gern gesagt, wie sehr mich seine Geschichte bewegt. Seitdem im selben Teil desselben Landes, haben sich unsere Wege doch nie gekreuzt. Im Frühjahr 2005 hörte ich, dass er mit seinen Shakespeare-Sonetten zu einer Lesung in die Nachbarschaft käme. Nach der Vorstellung hätte ich ihm gern meine Hochachtung und meine Bewunderung gesagt, aber ich hab mich einfach nicht getraut. Wir sind uns nie begegnet, ich hab ihm das alles nie erzählen können, ich freue mich, dass mir sein Geburtstag die Gelegenheit dazu gibt: Lieber Wolf Biermann, ich gratuliere Dir und wünsche Dir ein langes, gutes Leben. Du bist ein Guter, wir brauchen Dich!

Nina Hagen, Rocksängerin

Geliebter Wolf - HERZLiCHEN GLÜCKWUNSCH! / Seit Deinem Eintritt in mein Leben, / Du revolutionärer Sternzeichen Skorpion-Geborener, / da lernte ich von Dir ALLES, / was ich für meine Lebensaufgabe dringend brauchte! / Gitarre spielen, selber Texte schreiben, / ja sogar Bob Dylan ins Deutsche übersetzen, / und MENSCHLICHKEIT und politisches Bewusstsein, Angstlosigkeit u.v.m..... / Du hast Dich in meine Mami verliebt da war ich so 9 fast 10 - und Du wurdest zu einem der wichtigsten / und geliebtesten Menschen in meiner Kindheit & Jugend und darüber hinaus! / WOLF, DU WIRST IMMER DER SCHÖNSTE, DER KLÜGSTE & DER ALLERBESTE DEUTSCHE ALFA-WOLF FÜR MICH SEiN! / FÜHL Dich und Deine Liebsten umschlungen und geliebt bis ins Ewige, Deine Nina (Hagen)

Rolf Schneider, Schriftsteller

Wolf Biermann hat, als er noch in der DDR lebte, den Lyriker Peter Huchel gut gekannt. Huchel war, darin ähnlich Biermann, nach anfänglichem Einverständnis mit dem ostdeutschen Staat zu dessen Kritiker geworden, was er mit Isolation und öffentlichen Schmähungen gegen seine Person bezahlen musste. Er reagierte seinerseits mit Erbitterung und Hohn. Biermann hat ihm ein Gedicht gewidmet, "Ermutigung", das er dann auch vertont hat. "Du, lass dich nicht verhärten / In dieser harten Zeit / Die allzu hart sind brechen / Die allzu spitz sind, stechen / Und brechen ab sogleich."

Es sind schöne Verse. Biermann hat solchen Ton später kaum mehr erreicht, und die Wahrheit ist, dass die in ihnen ausgesprochene Mahnung fast mehr noch als für Peter Huchel für Wolf Biermann zu gelten hatte und gilt. Er war gerne spitz. Er hat mit Genuss und Vorliebe gestochen. Er hat auch zugeschlagen, verbal, seine Texte sind voller Grobianismen. Biermann war oft verbittert und hatte Grund dazu. Einer der erheblichsten war, dass die politische Utopie, der er anhing, so wie sein Vorbild Bertolt Brecht, so wie sein intimer Freund Robert Havemann, völlig zerschellt ist. Biermann hat nichts verschwiegen, seine Irrtümer nicht und nicht die Korrektur seiner Irrtümer. Er hat es später auf die Formel gebracht, nur wer sich ändere, bleibe sich treu. Man mag ihm darin beipflichten oder nicht.