Musik

Ein Geiger füllt die Hallen

Ein perfekteres Timing gibt es nicht: Am Wochenende erst hatte Stargeiger David Garrett den begehrten Echo Klassik Award 2008 für seine letzte CD "Virtuoso" bekommen. Dieser Tage erscheint nun bereits sein Nachfolge-Album "Encore".

- 24 buntgemischte kurze Tracks sind darauf enthalten, mit denen Garrett einmal mehr seine große Virtuosität und Bandbreite unter Beweis stellt. Michael Jacksons "Smooth Criminal", "Who Wants To Live Forever" von Queen und "Thunderstruck" von AC/DC sind auf dem neuen Album ebenso zu finden wie Bachs Air, Vivaldis "Sommer" und Filmmusik aus "Fluch der Karibik". Auch einige eigene Stücke hat Garrett wieder beigesteuert.

Crossover macht ihm großen Spaß

Einst als Jahrhundertbegabung der Klassik-Szene gefeiert und fremdgesteuert, zieht es der 27-Jährige mittlerweile vor, sein eigenes Ding zu machen. "Die Crossover-Gigs machen mir riesigen Spaß. Es ist herrlich, wie viele Leute du damit erreichen kannst", schwärmt Garrett. Der Gedanke, der Popstar unter den Geigern zu werden, war ihm 2002 gekommen - bei den Nokia Nights Of The Proms in Belgien, den Niederlanden und Deutschland. "Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich ohne Anzug auf die Bühne gegangen bin", erinnert sich Garrett. "Ich hab da klassische Musik in Hallen mit bis zu siebzehntausend begeisterten Menschen gespielt. Das hat mir schon zu denken gegeben. Ich glaube, das Hauptproblem an der Klassik ist nicht die Musik, sondern der Veranstaltungsort, das ganze Drumherum. Wenn die Verpackung stimmt, dann kannst Du auch die größten Menschenmassen für klassische Musik begeistern."

Die Crossover-Projekte sieht Garrett nicht zuletzt als Brücke, um seine Fans behutsam an die Klassik heranzuführen. "Wenn das Publikum dir vertraut, kannst du es überall mit hinnehmen." Und das Publikum vertraut Garrett tatsächlich. Im November tritt er in der Berliner Philharmonie mit Violinsonaten von Beethoven und Grieg auf. Schon seit Monaten ist das Konzert restlos ausverkauft. Im Januar 2009 begibt sich Garrett dann auf seine zweite große Crossover-Tour durch Deutschland. Zeitgleich nimmt er Mendelssohns Violinkonzert auf, mit dem er dann im März herumreist. Über die Ausmaße seiner Crossover-Erfolge ist Garrett selbst überrascht. Auch über seine täglich wachsende Fangemeinde, die generationsübergreifend vom Kleinkind bis zum Rentner reicht. Doch überrannt fühlt er sich nicht. "Ich bemerke zwar meinen Erfolg, habe aber gar keine Zeit, mich näher damit zu beschäftigen."

Einen großen Anteil an Garretts Triumphen hat sein glänzendes Aussehen: eine Mischung aus David Beckham, Kurt Kobain und Jared Leto. "Mit solchen Vergleichen kann ich sehr gut leben", grinst der Künstler. "Stutzig würde es mich machen, wenn man mich mit Helge Schneider oder Dirk Bach vergleichen würde. Dann würde ich denken: Moment mal - da stimmt doch was nicht." Aber sofort lenkt Garrett ein: "Nicht, dass wir uns da missverstehen: Ich liebe Helge Schneider. Er ist ein toller Künstler. Ich war schon oft auf seinen Konzerten. Gerne würde ich mal gemeinsam mit ihm Musik machen."

Garrett ist sich seiner Anziehungskraft auf weibliche Fans durchaus bewusst. "Ich habe mich immer schon sehr gut mit Frauen verstanden. Das war schon so, als ich noch in New York studiert habe und kaum Konzertauftritte hatte. Dass mir jetzt die Frauen zu Füßen liegen, das überrascht mich ehrlich gesagt überhaupt nicht."

Doch große Hoffnungen möchte er seinen weiblichen Fans nicht machen. "Was Fans angeht, bin ich echt vorsichtig. Wenn du jemanden toll findest, dann hast du häufig eine ganz andere Vorstellung von der Person, als sie tatsächlich ist. Das ist kein guter Ausgangspunkt für eine Beziehung." Zu oft hat Garrett erlebt, dass Frauen ihn lediglich auf sein Äußeres reduziert haben, sich nicht für klassische Musik interessierten oder nicht einmal im Ansatz verstanden, was ihn beschäftigte.

Klassische Ausbildung hinterlässt Narben

"Ich bin ein klassisch ausgebildeter Geiger, das prägt und hinterlässt Narben", erzählt Garrett ernst. "Viele machen sich gar nicht klar, wie hart es ist, Musiker zu werden. Auch für ein vermeintliches Wunderkind wie mich. Schon als Zehnjähriger habe ich sieben Stunden am Tag gearbeitet, um den Erwartungen standzuhalten. Eigentlich müsste so etwas verboten werden, aber das ist ja das Dilemma: Ohne den Druck meiner Eltern, Lehrer und Manager wäre ich nie so weit gekommen. Es war ein ungeheures Glück für mich, dass das Geigenspiel schließlich wirklich das war, was ich machen wollte. Sonst hätte ich die nächsten 20 Jahre zum Psychiater gehen können."