Nur gut, dass Simenon so viele Bücher schrieb

Simenon und sein Kommissar Maigret können süchtig machen, und das immer aufs Neue.

Simenon und sein Kommissar Maigret können süchtig machen, und das immer aufs Neue. Schon während meiner Abiturszeit verschlang ich einen Krimi nach dem andern des belgischen Schriftstellers. Jetzt, Jahre später, hat es mich wieder gepackt. Ein Glück, dass Georges Simenon (1903-1989) im Akkord schrieb, er verfasste 193 Romane, 51 Erzählungen und noch einmal über 200 Romane unter 18 verschiedenen Pseudonymen. Viele davon bringt der Diogenes-Verlag nach und nach überarbeitet oder in neuer Übersetzung heraus.

"Maigret und sein Revolver" (205 S., 8,90 Euro) zum Beispiel: Ein aufgewühlter zorniger Junge, dessen merkwürdiger Vater, ein toter Mann und eine berechnende Frau führen dieses Mal den Ermittler aus Paris nach London. Verständnis wie Sorge und nicht nur der Wunsch nach Aufklärung treiben Maigret an. Der Spannung tut das keinen Abbruch, im Gegenteil.

Angenehm ist, dass sich bei dem Kommissar mit der Pfeife, der von Jean Gabin und Heinz Rühmann im Film verkörpert wurde, manches nie ändert: Madame Maigret wartet immer mit einer Engelsgeduld auf ihren Gatten. Der kommt nicht nur meistens zu spät zum Essen, sondern oft gar nicht.

Von solchen liebevoll gezeichneten Alltäglichkeiten allein wird man natürlich noch nicht lesesüchtig, aber von der Leichtigkeit, mit der Simenon seine Kriminalfälle und Geschichten erzählt, und der Menschlichkeit seines Kommissars.

Eine schöne Frau im Seidenkleid ist das Opfer in "Maigret und der Treidler der Providence" (167 S., 7,90 Euro). Tot aufgefunden wird sie in einer Umgebung, die so gar nicht zu ihrer Erscheinung passt, nämlich zwischen Schleppern und Kähnen. Da riecht man förmlich Dieselöl, den Geruch von Pferdestall, sieht die behäbigen Kähne mit ihren wortlosen Besitzern oder glaubt, windige Yachtbesitzer vor sich zu haben. Simenon ist auch ein Meister der Atmosphäre.

"Der fremde Vetter" (270 S., 8,90 Euro), erschienen 1939, belegt einmal mehr die Vielfältigkeit von Simenons Werk, das ja beileibe nicht nur aus Maigret-Krimis besteht. Dieser Roman handelt von einer deutschen Einwandererfamilie in Frankreich, die einen Ausschank betreibt, und ihrem schwierigen Stand dort am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. Und schon wieder eine Tote. Der junge Vetter, der auf der Flucht vor den Nazis ist, wirkt ziemlich undurchschaubar. Bald jedoch wird die ganze Familie von den Einheimischen verdächtigt und drangsaliert. Beachtlich, wie hier die Mechanismen von Ausgrenzung gezeigt werden.

"Maigret und der Weinhändler" (192 S., 8,90 Euro) liegt im Übrigen auch schon auf meinem Nachttisch, um von mir verschlungen zu werden.

Und wenn ich damit fertig bin? Keine Sorge, es warten ja noch viele andere Bücher Simenons, von denen man nie genug kriegen kann.