Ich klau mir eine Familie

Die Oma hat's gut. Die darf sich auf der Klappliege in eine dicke Decke lümmeln. Alle anderen bibbern sich den Wolf.

Die Oma hat's gut. Die darf sich auf der Klappliege in eine dicke Decke lümmeln. Alle anderen bibbern sich den Wolf. Anna-Maria Mühe zieht die Kapuze ihres Sweatshirts bis fast über die Nase. Nina Kronjäger zieht sich wie eine Schnecke in ihren Pseudo-Pelz zurück. Und Samuel Finzi tritt von einem Fuß auf den anderen und reibt sich die Hände. Es ist bitter kalt, hier oben auf dem Dach des 25-geschossigen Plattenbaus. Immerhin: Die Aussicht ist grandios. Berlin liegt einem zu Füßen, da vorn der Fernsehturm, der Ostbahnhof gleich unten links. Aber der Wind heult einem um die Ohren, ein zweites Paar Socken hätte ganz gut getan, selbst der Tee fröstelt. Und doch sollen alle so tun, als freuten sie sich und hätten Spaß daran, Schlittschuh zu laufen. Wieder und wieder müssen sie im Kreise schlittern. Action! Klappe! Und zwischendrin bibbern und Tee trinken.

Hier, in der Andreasstraße 20 in Friedrichshain, einem fast vollständig verlassenen Mietshaus, das gerade im Gerüst steht, werden die letzten Szenen für einen Kinofilm gedreht. Arbeitstitel: "Eine etwas andere Familie". Für den Regisseur Marc Meyer wie für den Produzenten Faysal Omer ist das ihr Debüt. Und während ihre Darsteller frösteln, bangen sie, weil es noch viel zu warm ist. Zwar zieht es auf dem Dach erbärmlich, aber eigentlich müsste es zehn Grad kühler sein. Jetzt hat man Angst, das Eis könnte schmelzen, bevor die Szenen im Kasten sind. Die Schlitter-, eine Zitterpartie.

Oben zieht's, unten taut's

Am Arbeitstitel könnte noch gefeilt werden, am Plot wohl kaum: Eine einsame Großstädterseele (Finzi) sucht nach Gemeinschaft. Und da er auch um sich herum nur Menschen sieht, die zwar in Bindungen leben, aber nicht glücklich sind, kidnappt er sie kurzerhand: spielt den "Vati", sucht sich eine "Mutti" (Kronjäger), eine Tochter (Mühe), Opa, Oma, Sohn, ja selbst Baby und Hund. Die steckt er in scheußliche Trainingsanzüge, in einen tristen Plattenbau - und fertig ist die Patchworkfamilie, die, Hand aufs Herz, in dieser Zwangsgemeinschaft nicht unglücklicher sein kann als in Freiheit.

Etwas Kleines sollte die Tragikomödie sein, etwas Intimes. Was drinnen spielt, wetter- und witterungsunabhängig und nicht so aufwändig. Aber dann, gesteht Meyer, "wurde ich rückfällig". Für die letzte zu drehende Szene brauchte es ein Bild, das dieses Instant-Idyll, diese Zwang- und Zweckgemeinschaft richtig auf den Punkt bringt. Aber ein Weihnachtsbaum in der Stube wäre dann doch zu ausgelutscht. Also steigt man aufs Dach, bindet sich an eine verzierte Weihnachtsbaumersatz-Dachantenne und kreist auf Kufen über den Dächern von Berlin. Ausgelassen wie bei einem Karussell. Dabei merken sowohl der Regisseur als auch "Tochter" Mühe, wie ihnen aus Höhenangst mulmig wird.

Höhenangst in idealer Kulisse

Szenenwechsel. Inzwischen sitzen wir beim Italiener in Mitte. Da ist es gleich viel kuscheliger. Und Meyer erzählt. Wie er einen Film drehen wollte. Etwas, das ihn selber anging. Er habe da oft an seinem Schreibtisch gesessen und aus dem Fenster geguckt. Und so in die Häuser von gegenüber. Was dort für Familien saßen. Er hatte hier keine. Aber ob die da glücklicher sind...? So entspann sich die Idee. Sein Kumpel Faysal hat sofort mitgemacht. Und beide haben dafür die Produktionsfirma mitos-film gegründet. Auch bei der Suche nach Drehorten habe man sich einfach inspirieren lassen. Man sah diese öde Ost-Platte. Kein Licht brannte. Aber da liefen ein paar Menschen im Dunkeln rum. Also musste da wer wohnen. Irgendwie schon komisch: "Wir denken, das ist eine geniale Kulisse. Aber da leben wirklich Menschen", so Meyer. "Als die hörten, wir seien vom Film, waren die erst mal ganz ablehnend. Die dachten, wir drehen eine Dokumentation über besetzte Häuser. Aber dann sagten sie: "Ach, Kino! Kommt rein.'" Noch gilt die Metapher der öden Platte. Aber nicht mehr lange. Das Gebäude ist inzwischen abgewickelt, wird saniert. Jetzt wieselt da nicht nur das Filmteam, sondern auch noch der Bautrupp. "Bitte liegen lassen!" mahnt ein Pappschild, damit nicht Requisiten entrümpelt werden.

Auch Samuel Finzi kommt jetzt ins Restaurant. Er musste noch in der Volksbühne spielen, nachdem er den ganzen Tag gedreht hat, und ist entsprechend erledigt. Dann ist auch noch die Mama aus Bulgarien zu Besuch und ihr passierte, was ihnen auf dem Dach erspart blieb: Sie ist unglücklich ausgerutscht.

"Nicht doch, Herr Produzent!"

"Eine etwas andere Familie" ist ein etwas anderer Film, bei dem alle alles tun. Wo die Kostümbildnerin schon mal mit dem Bohrer mit anpackt, wo der Regisseur seinen Darstellern persönlich den Tee bringt. Und wo man frech schilt, wer schon wieder den kunstvoll verstreuten Kunstschnee platt tritt ("Nicht doch, Herr Produzent!"). So sind sie am Ende wirklich eine Patchworkfamilie geworden, nicht ganz so, aber doch ähnlich wie im Film. Auch Meyer hat seine Mannschaft irgendwie "gekidnappt", zumindest überzeugt, auch mit wenig Gage an einem außergewöhnlichen Film zu arbeiten.

Jetzt sind alle Szenen im Kasten, jetzt geht's in den Schneideraum. Ins Kino kommt der Film vermutlich erst im Herbst 2007. Iirgendwie stimmt er doch auf Weihnachten ein. "Und sowas", weiß der Produzent, "können wir ja nicht im Sommer bringen."