Irrenhaus der Allegorien

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Klaus Geitel

Ideen muss man haben. In England hatte man sie, und die Festwochen in ihrem allerdings nur mäßig besuchten Festspielhaus profitieren davon. Sie lassen, wenn auch in geschrumpfter Form, Georg Friedrich Händels vielfach bearbeitetes allegorisches Oratorium vom «Triumph von Zeit und Wahrheit» über die bitter wegalternde Schönheit auf einander platzen mit dem unaufhaltsamen «Triumph von Schönheit und Betrug», als hätten Helena Rubinstein, Yves St. Laurent und Bruno Waltz dazu gemeinsam das Fortsetzungs-Libretto geschrieben, das in Wahrheit allerdings aus der pfiffigen Feder von Meredith Oakes stammt.

Gerald Barry hat es durchaus unzimperlich auskomponiert. Thomas Adès, gerade von Sir Simon Rattle als höchst eigengewichtiger Komponist vorgestellt, dirigiert anfeuernd die schneidig aufspielende Birmingham Contemporary Music Group. Man kann das Ganze - allerdings nicht einzig wegen der peitschend durchgehaltenen schnellen Tempi-kurz, knapp und zutreffend wohl einen «Schweins-Galopp» nennen: schnellfüßiges, aber auch leicht trampeliges Musik-Kabarett, wie es einst Hindemith oder Weill am Ende der ausgelassenen Zwanziger Jahre servierten.

Im Zentrum des wahrhaft turbulenten Geschehens die «Schönheit», der drei Rabauken namens «Wahrheit», «Zeit» und «Genuss» penetrant an die Unterwäsche wollen, was ihnen auch tatsächlich und handgreiflich immer wieder gelingt. Als Joker im Spiel haben sie sich als fünftes Rad am Wagen den «Betrug» mitgebracht, mit dessen Hilfe es gelingen soll, die «Schönheit» wie mit vereinten Kräften aufs Kreuz zu legen. Die aber triumphiert in den Armen des «Genusses» am Ende. Händel hatte es noch ganz anders gewusst. So ändern sich die Zeiten.

Nigel Lowery hat die Inszenierung besorgt und auch das anfangs geradezu unschuldig wirkende Bühnenbild beigesteuert, das sich aber im Verlauf der hitzigen musikalischen Debatten zwischen dem Kirchlein des Guten und der Absteige der Wollust animierend und offenbar unwiderstehlich verlockend dahinschlängelt. Bei Händel ging es dabei - auch musikalisch - noch annähernd ehrpusselig zu. Dafür sorgte allein schon die Akademie für Alte Musik unter ihrem Konzertmeister Bernhard Fork, die sich auf keinen Witz einließ, obwohl vier leicht trampelige Zopfmädels im blauen Rock, weißem Hemdchen mit Krawatte auf der Bühne standen: Wärterinnen offenbar in einem Irrenhaus der Allegorien. Allen voran Andrew Watts, schwerleibig, doch auf Pumps, ein Countertenor erster Klasse. Er verkörperte zu Recht den «Genuss».

Dem blieb er höchst erfolgreich auch in Gerald Barrys anschließendem Einstünder treu und wurde für seine Leistung nachdrücklich ausgezeichnet. Ihr legte natürlich Barrys witzig wendige Musik ein geradezu ideales klingendes Rollband unter die Füße, auch wenn es ein Viertelstündchen zu lange rollt und darüber leicht an Pointierungskunst einbüsst. Doch lässt sie glänzend ihre straffen Muskeln spielen - Oper als Home Trainer sozusagen. Sie lacht vielleicht ein bisschen zu ausgiebig über sich selbst und die Unersättlichkeit ihrer Pointen.

Vielleicht hätte Barrys Kunsteifer sich doch ein wenig stärker von Händels wundersamer melodischer Einfachheit und Meisterschaft inspirieren lassen können. Denn am stärksten und nachhaltigsten bleibt an diesem immerhin über zweistündigen Abend die anrührende, zarte Arie «Crede l'uom» im Ohr. William Purefoy, der andere Countertenor, singt sie. Er verkörpert schließlich «Die Wahrheit». Recht so!