Frankfurter Buchmesse

Die starken Frauen vom Bosporus

| Lesedauer: 5 Minuten
Iris Alanyali

"Istanbul gehört mir", hat Literatur-Nobelpreisträger Orhan Pamuk uns einmal gesagt. Und tatsächlich schreibt kaum einer so schön über die Stadt am Bosporus wie er. Andererseits: Sieht man sie durch Pamuks Blick, dann ist Istanbul ein nebelverhangenes Traumgebilde, in dem melancholische Männer blassen Frauen nachjagen.

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Aber das ist nicht Istanbul. Istanbul ist eine sehr reale Stadt. Eine laute, stolze Metropole, die ihr Alter mit selbstbewusster Würde trägt und sich zugleich mit jugendlicher Unbekümmertheit auf die Zukunft stürzt. Wir behaupten: Istanbul ist eine Frau. Man denke nur an das Osmanische Reich, das nach dem Tod Süleymans des Prächtigen 1566 praktisch von den Sultansmüttern aus dem Harem des Topkapi-Palastes heraus regiert wurde, während auf dem Thron ein schwacher Sultan den anderen ablöste. Und sehen wir uns Istanbul heute an: 12,5 Millionen Einwohner, etwa die Hälfte davon Frauen, ihr Durchschnittsalter knapp 28. Und es gibt eine Literatur jenseits von Pamuk und seinen männlichen Kollegen, die von diesem Istanbul erzählt: die Literatur von den und über die Frauen von Istanbul.

Der weibliche Blick auf die Stadt

Fangen wir mit Halide Edip Adivar an. 1884 geboren, setzte sich die junge Frau für die Rechte der Frauen ein, wurde eine der ersten Lehrerinnen des Landes, schloss sich der Armee Atatürks an und bereiste als Vertreterin der modernen Türkei die halbe Welt. Eigentlich hätte sie nur ihre Biografie verfassen müssen, anstatt außerdem 21 Romane.

Ihr berühmtester wurde "Die Tochter des Schattenspielers", über eine starke Frau, Rabia, die den Koran vortragen kann wie sonst niemand. Dank ihres Talents wird sie bald zur umworbenen Puppe gleich mehrerer Pygmalions. Doch Rabia trifft ihre Entscheidungen selbst: eine typische Heldin im Werk Adivars, die der türkischen Soziologin Nilüfer Göle zufolge den "kemalistischen Frauentyp" schuf, "der für seine Nation nützlich sein möchte, in der Politik seinen Platz neben den Männern einnimmt, von seiner ,Zärtlichkeit' nichts einbüßt, der ernst ist, Kamerad, Mutter der Heimat und volksnah."

Rabia ist die unkonventionelle Großmutter jener Frauen, die die zeitgenössische Istanbuler Literatur bevölkern. Kati Hirschel etwa, die Heldin von Esmahan Aykols Krimis, eine Istanbulerin deutscher Abstammung, die in ihrem Laden ausschließlich Kriminalromane verkauft und in ihrem Privatleben ständig in Mordfälle verwickelt wird. Oder in Männergeschichten. Im soeben erschienen Band "Scheidung auf Türkisch" geht es um den Mord an einer Umweltschützerin, was der 1970 geborenen Autorin wieder gute Gelegenheit gibt, zeitgenössische türkische Politik jenseits von Islamismus und EU-Tauglichkeit einfließen zu lassen. Die Kriminalfälle sind eigentlich Nebensache, Kati-Hirschel-Romane sind vielmehr Szene-Romane über die Weltstadt Istanbul. Kati ist übrigens über 40, weil man, so Aykol, "den Türken klar machen muss, dass sich auch Frauen über 40 noch um ihr Aussehen Gedanken machen und Sex haben". Kein Wunder, dass der erste Kati-Hirschel-Roman, als er 2001 in der Türkei erschien, zum Bestseller wurde.

Als Kultbuch gilt auch Perihan Magdens "Zwei Mädchen", über die Freundschaft zwischen der rebellischen Behiye und der braven Handan. Magden erzählt das wie einen Thriller. Kutlu Ataman machte daraus 2005 einen preisgekrönten Film, und Orhan Pamuk nannte die 1960 geborene Magden "eine der originellsten Schriftstellerinnen unserer Zeit". Ihr Istanbul ist die Stadt zweier 16-Jähriger, ein Istanbul der Einkaufszentren, Konditoreien, Fastfoodrestaurants, in dem gesoffen, geraucht und Playstation gespielt wird. Die Geschichte könnte in jeder Großstadt spielen, gerade das macht den Reiz aus: Manchmal ist Istanbul eben eine Metropole wie jede andere, die das Klischee von der Brücke zwischen Orient und Okzident nicht mehr hören kann.

Einen ganz anderen Istanbuler Mikrokosmos beschreibt Elif Shafak in ihrem neuen Roman. Ihr "Bonbonpalast" hat eine aschgraue Fassade, in den Wohnungen stinkt es, auf der Straße türmt sich der Müll, aber das Appartementhaus hat den Namen verdient. Seine Bewohner sind ein bunter Haufen Verrückter.

Jenseits vom Okzident-Orient-Klischee

Elif Shafak, geboren 1971 in Straßburg, hat sich zu einer der wichtigsten Autorinnen der Türkei entwickelt - und, was den Mix aus Bewunderung und Ablehnung angeht, zu einer Art weiblichen Orhan Pamuk. Auch sie nennt die dunklen Flecken der türkischen Geschichte - Armenier, Kurden - beim Namen, auch sie sucht osmanisches Erbe und moderne Republik literarisch zu versöhnen - und sie wurde von den selben nationalistischen Anwälten mit ebenso absurden Anklagen wegen angeblicher "Verunglimpfung des Türkentums" vor Gericht gezogen wie Pamuk. "Bonbonpalast" ist ein Sinnbild der Metropole am Bosporus, die, glaubt man Elif Shafak, zum Himmel stinkt, im Müll zu versinken droht und sich doch aus diesem erhebt wie ein Smaragd.

Von Melancholie also keine Spur in diesen Istanbul-Romanen, hier sind die Frauen keine geheimnisumwitterten Traumgebilde. Diese Heldinnen - und ihre Schöpferinnen - stehen mitten im Leben, im Leben der berühmtesten aller türkischen Damen: der großen Diva Istanbul.