Deutscher Buchpreis

Tellkamps Roman ist der beste

Den Deutschen Buchpreis des Jahres 2008 erhielt gestern Abend in Frankfurt der Schriftsteller Uwe Tellkamp für seinen Roman "Der Turm". Tellkamp war da. Und nahm die mit 25 000 Euro dotierte Ehrung sogar an.

Von einer Überraschung zu reden, käme allerdings der Untertreibung des Jahres gleich. Wenn überhaupt ein Buchpreisträgerroman als Roman des Jahres ausgezeichnet zu werden verdiente, dann ist es "Der Turm". Tellkamps romantischer Riesenroman von den letzten sieben Jahren der DDR im zwischen Anpassung und Widerstand herumlavierenden Dresdner Bildungsbürgertums macht mehrere Meter so genannter Wendeliteratur überflüssig. Ein Epos vom Stillstand und vom Untergang eines Scheißstaates, sprachlich so gewagt, so aus der Zeit ragend wie keines sonst in diesem Jahr. Und so gelungen.

Der gewagteste Roman des Jahres

Dass mit Tellkamp sich tatsächlich der gewichtigste, gewagteste und gelungenste Roman des Jahres durchgesetzt hatte, wirkte fast wie eine Befreiung. Nach Wochen der Debatten um Sinn und Unsinn des Buchpreises, die Börsenvereinsvorsteher Gottfried Honnefelder in seiner Begrüßung des Längern und Breiteren haarklein zu entkräften suchte. Der Druck, der von einem Teil von Tellkamps Kollegenschaft und einem Teil der Buchbranche aufgebaut worden war, war nicht unbeträchtlich. Angeführt wurde die Kohorte der Buchpreismäkeler vom Beinahe-Buchpreisträger des Jahres 2004, Daniel Kehlmann. Von "Schwachsinn" faselte noch in der vergangenen Woche die berühmte, aber inzwischen auch schon beinahe wirkungslose Marketingmaschine Elke Heidenreich im Zusammenhang mit dem Buchpreis.

Dabei, so berichten Insider, werden heute von Verlagen für deutschsprachige Manuskripte deutlich höhere Vorschüsse gezahlt, Literatur deutschsprachiger Autoren erzielt deutlich gestiegene Auflagenzahlen. Ihnen werden deutlich mehr Programmplätze eingeräumt. Es würde nicht schwer fallen, den Beweis anzutreten, dass mittlerweile deutlich mehr und herausgehobener über deutschsprachige Literatur berichtet wird.

Und das alles, obwohl es nicht leichter geworden ist, Büchern überhaupt Öffentlichkeit zu verschaffen. Da grenzt es geradezu an beruflichen Selbstmord, sich jedweder Öffentlichkeit zu verweigern und die Abschaffung aller vom Bachmann- bis zum Buchpreis zu fordern. Literatur braucht, um dahin zu kommen, wo sie hingehört, ins Zentrum der Gesellschaft nämlich, jede Zeitungszeile, jede Sendesekunde, die sie bekommen können. Von selbst erreicht sie das schon lange nicht mehr. Und nicht nur ins Zentrum der deutschen Gesellschaft kommt sie ohne Anschubprämierung nicht, ins Ausland kommt sie schon gar nicht. Denn nicht mit Geld, nicht mit guten Worten, höchstens mit hochrepräsentativen Auszeichnungen wie dem Buchpreis kann man einen Verleger in England oder Frankreich davon überzeugen kann, dass er einen deutschen Roman von mehr als 300 Seiten Umfang übersetzen muss.

Die Vielseitigkeit, Vielfarbigkeit der deutschsprachigen Literaturszene spiegelte sich geradezu ideal in der Shortlist der diesjährigen, vierten Ausgabe des Buchpreises. In die letzte Buchpreisrunde kamen Rolf Lapperts irvingesker Waisenkinderschicksalsirlandroman "Nach Hause schwimmen", Dietmar Daths "Abschaffung der Arten", ein irrwitziger, misanthropischer, gegenwartskritischer Utopieentwurf, "Adam und Evelyn", Ingo Schulzes dialoglastigleichte, paradiesvertreiberisches Sommermärchen vom anbrechenden Wendeherbst 1989, "Das dunkle Schiff", Sherko Fatahs deutsch-irakischer Abenteuerroman von einem Gotteskrieger beinahe wider Willen, Iris Hanikas bezaubernd eigenständige Großstadtliebesgeschichte "Treffen sich zwei". Und eben Uwe Tellkamps "Der Turm".

Am Ende hatten sich alle wieder lieb

Wer ihn bekam, den Buchpreis, geriet während der Verleihung beinahe zur Nebensache. So intensiv wurde die Auszeichnung von den Verantwortlichen gestreichelt, derart intensiv wurde für ihn geworben, dass man fast das Gefühl hatte, er stünde tatsächlich auf der Kippe. Am Ende hatten sich aber alle wieder lieb. Die Jury. Und die Autoren beinahe auch. Uwe Tellkamp hatte sich nämlich kurz bedankt bei Frau, Sohn und Verlegerin. Dann aber schnell die Kollegen auf die Bühne geholt, "weil es mir peinlich ist, hier allein zu stehen". Das könnte ein Ritual werden.