Oper

Der indiskrete Charme der Anarchie

Volker Tarnow

In Rixdorf ist Musike, so hieß es einst. Getanzt wird schon lange nicht mehr am Richardplatz, und doch zieht es uns immer wieder in die Berliner Bronx, denn dort steht das innovativste und lebendigste Musiktheater der Stadt, die Neuköllner Oper.

- Auch deren neue Produktion Piraten von Bisowski & Sullivan lohnt die Fahrt mit dem Orientexpress der U-Bahnlinie 7.

Das Stück spielt in einer Wagenburg, die von autonomen Chaoten besiedelt ist. Versiffte Lederklamotten und ploppende Bierflaschen, mal ein Joint und mal ein bisschen Randale am 1. Mai, so sieht das Leben von Ruth und Rainer und Gurke und Mischa aus. Der indiskrete Charme der Anarchie ist längst verflogen, Ho-Tschi-Min und Brokdorf sind nur noch Sprechblasen. Zum Glück gibt es einen deftigen Familienzwist: das Findelkind Frederik, von Ruth und Rainer wie ein Sohn behandelt, ist 18 geworden und will das Camp verlassen. Richtung Zehlendorf. Um richtig Karriere zu machen. Prima, dass sich da gerade die drei Zitsche-Töchter in die Wagenburg verirren. Ihr Song "In Zehlendorf ist alles gut" bringt den Saal zum Toben. Mabel, Edith und Kate sind natürlich aus dem reichen Südwesten Berlins, und ihr Vater Igor Zitsche ist natürlich Immobilienspekulant, der das ganze Terrain samt Wagenburg plattmachen und verscherbeln will.

Piraten ist eine neuköllnisch abgeschrägte Version der Operette The Pirates of Penzance von Gilbert & Sullivan aus dem Jahre 1879. Für die aktuellen Texte sorgte Andreas Bisowski, inszeniert hat Andreas Gergen. An genieverdächtige Produktionen wie "Die Krötzkes kommen" oder "Held Müller" reicht diese BeBerlinette zwar nicht heran, aber die Darsteller haben echtes Neuköllner Niveau und machen dem Haus alle Ehre. Also: rein in die Kampfkleidung und raus nach Rixdorf!

Neuköllner Oper , Karl-Marx-Straße 131. Tel. 68 89 07 77. Termine: 16.-19.10., 20 Uhr