Alleingang mit Tesafilm in den Kammerspielen

| Lesedauer: 2 Minuten

Monologe sind derzeit bei den Theatern sehr beliebt. Diesen hier hat sich der französische Schauspieler Jean-Marie Frin schon 1985 nach der bislang noch nicht ins Deutsche übersetzten Erzählung «Told in the Drooling Ward» von Jack London geschrieben. Verschiedene Bühnen entdecken den Text erst jetzt. Das Deutsche Theater, überraschend, startet damit sogar in die neue Saison.

«P'tit Albert» hat das «klein» schon im Titel. Und als Spielort dient das hintere Ende der Kammerspiele unterhalb des Balkons. Die einzige Figur des Stücks spricht und agiert noch unter der Tribünen-Stellage. Der Mann heißt Tom. Zu Beginn sägt er eine Röhre an und schließt sie anschließend mit Tesafilm. Tesa ist offenbar seine ganz große Leidenschaft. Und wir ahnen schon bald, dass bei Tom nicht alles richtig beieinander ist.

Tatsächlich steckt er schon seit 45 Jahren in einer psychiatrischen Anstalt. Dort versorgt er die schwereren Fälle, die er die «Sabberer», «Sabbermäuler» und «Depps» nennt, mit den Mahlzeiten. Der «kleine Albert» ist offenbar sein besonderer Liebling. Dass er selbst eine gehörige Knäcke hat, würde sich Tom niemals eingestehen. Er hält sich für stocknormal.

Solcherlei makabrer Humor mag nicht jedermanns Sache sein. Er funktioniert nur in dem Einverständnis, dass hier kein Außenstehender, sondern ein selbst Betroffener, ein Kranker, erzählt. Bei dem Temperament, mit dem Michael Schweighöfer in die Rolle einsteigt, lässt sich dann auch schwer ausmachen, wo die als Regisseurin debütierende Wenke Hardt und wo der Darsteller selbst den Lauf der Inszenierung bestimmt hat. Schweighöfer parliert die textlichen Sprachverballhornungen («Epilektriker», «ich halte mich befleckt») so mühelos, als wären sie seine Muttersprache. Er ist zärtlich, bockig, verschmitzt. Er zeigt Sehnsucht nach menschlicher, auch sexueller Nähen. Der Alleingang findet am Ende viel Beifall. Im Foyer sind hier und da vereinzelte Bedenken gegen die fragwürdige Thematik zu hören, die mit menschlichem Leiden ihren Spaß treibt. PHG

Deutsches Theater/Kammerspiele. Schumannstr. 13 a. Tel.: 284 41 225. Nächste Vorstellungen: 18. 9., 27. 9., 20 Uhr.