Für Leib und Seele

Es ist momentan vielleicht nicht die beste Zeit, einen Jazz-Club in Berlin zu eröffnen. Überall wird das Ende des Berlin-Mythos verkündet; allerorten fehlt es an Geld. Depression ist das Leitmotiv der Zeit. Jetzt setzt Sedal Sardan den Kontrapunkt zur Untergangsstimmung

Sedal Sardan ist ein juveniler Typ von 40 Jahren, mit graumeliertem Haar und wachen braunen Augen. Am Freitag öffnet sein Club Soultrane die schmucken Pforten. Eine Lokalität, die mit den ehernen Gesetzen der deutschen Jazzclub-Szene bricht: Weiträumig und luftig ist sie, verbreitet keinen Kellermief, edel nimmt sich das Interieur aus, erlesen kommt das Konzept daher.

«Jazz and Dining» lautet das Schlagwort: Gehobene Unterhaltung von renommierten Improvisationskünstlern trifft auf «euro-asiatische» Küche. Zuerst kommt das Essen (zwischen 3 und 15 Euro), dann der Choral der Jazzgeschichte (zwischen 10 und 30 Euro). In New York oder London ist so was relativ normal. Hierzulande kombinierte man Tafelfreuden bislang jedoch lieber mit leichter Kunst-Kost, mit Kabarett, Revue oder Musical. Hat Sardan da eine Marktlücke entdeckt? Die Leute gierten doch gerade jetzt nach Ablenkung, nach gehaltvoller Nahrung für Kopf und Seele, sagt er.

Es ist momentan vielleicht gar nicht mal die schlechteste Zeit, einen Jazz-Club zu eröffnen. Die improvisierte Musik hat durch die Erfolge einer Diana Krall oder Jane Monheit einen Schub bekommen. Standards des American Songbook gelten als schick, weil man dabei so angenehm zeitvergessen an Cocktails nippen kann. Und überhaupt hält sich hartnäckig das Vorurteil, der Jazz sei die Musik der Akademiker und Besserverdienenden. Da scheint es passend, dass das Soultrane ausgerechnet in der Charlottenburger Edel-Verkaufs-Mall «Stilwerk» seinen Platz gefunden hat. Sardan ist sich der Ironie bewusst; mit einem Augenzwinkern weist er aber darauf hin, dass bei ihm die Musik erst dann anfange, wenn die Designer-Läden um ihn herum dicht machten. Der Underground befindet sich mitten im Reich des Kommerzes: eine sympathische Subversion.

Eigentlich war das alles aber gar nicht so geplant. Entsprechend der Musik, der Sardan verfallen ist, folgt auch das Leben des 40-jährigen Türken der Melodie des Zufalls. Für die zehnjährige Jubiläumsfeier der Club-Institution A-Trane, die Sardan in der Bleibtreustraße führt, suchte er einen genügend großen Party-Ort. Offiziell 70 Leute finden im A-Trane gerade mal Platz, viel zu klein wäre das gewesen für die erwarteten Gästemassen. Also fragte Sardan im «Stilwerk» um die Ecke an, zufällig stellte sich heraus, dass für das dortige Restaurant «Stil» ein Nachpächter gesucht wird. Seit Mai dieses Jahres hat Sardan den Mietvertrag für Berlins größten Jazz-Club in der Tasche. Zur Beruhigung: Das A-Trane wird weiterbestehen.

350 Personen finden in den bordeauxrot gestrichenen Räumlichkeiten des Soultrane Platz, eine ganze Big Band passt auf die Bühne. Um zehn Uhr beginnt der Tagesbetrieb, bis 3 Uhr läuft außer Sonntag die Nachtschicht. Mithilfe eines Investors, einem Berliner Arzt, konnte Sardan das ehemalige Restaurant innerhalb von vier Monaten in einen gemütlichen Konzerttempel verwandeln. Das imponierende Resultat einer Zufallsbekanntschaft.

Genauso zufällig war Sardan, der seit 27 Jahren in Berlin lebt, auch an den Jazz geraten. Bei einem Urlaub in der Türkei hatte ihn ein Neonlicht-Schriftzug in einer schummrigen Gasse angelockt. «Bebop» war da über einem Bar-Eingang zu lesen. An diesem Abend erwischte ihn das Improvisations-Virus voll. Ein Bassist spielte in dem Lokal Standards und sang wie Louis Armstrong; der junge Mann im Publikum, der in Berlin als Grafiker arbeitete und eine Zeit lang drauf und dran gewesen war, Basketball-Profi zu werden, konnte es nicht fassen. Jeden Tag traf er sich daraufhin mit dem Musiker, der ihm einen Crash-Kurs in Sachen Jazz verpasste. Zurück an der Spree gründete Sardan ein Jahr später seinen ersten Club, die Bebop-Bar in Kreuzberg.

1997 übernahm er das A-Trane. Und schrieb Berliner Jazzgeschichte. Am 30. August, mit der Eröffnung des Soultrane, wird ihr ein neues Kapitel hinzugefügt. Berlins Trompetendarling Till Brönner, Thärichens Tentett und Queen Yahna spielen am Freitagabend die ersten Noten in dem schnieken Club, der sich seinen Namen von einer altehrwürdigen Coltrane-Scheibe geborgt hat.

Soultrane, Kantstraße 17, Charlottenburg, Reservierungen: Tel.: 315 18 60.