Mit Polyglott durch Berlin

Ohne einen Reiseführer in der Tasche finden sich selbst Kulturtouristen nur schwer in einer Stadt wie Berlin zurecht. Einer der großen Reiseführerverlage feiert heute seinen 100. Geburtstag. Am 7. August 1902 gründete John William Kuntze in der Akazienstraße in Berlin-Schöneberg das Verlagshaus Polyglott. Mit 30 Seiten starken Sprachheften für fünfzig Pfennige begann die Erfolgsgeschichte des Verlages.

1912 wurden 1,8 Millionen Hefte verkauft. Nach dem Krieg wurde der Verlag Mitglied der Langenscheidt-Gruppe und setzte 1955 im Zeichen des Wirtschaftswunders und der Italiensehnsucht vieler Deutschen auf ein neues Konzept: Man gab von nun an kompakte Reiseführer von Ägypten bis Zypern zu niedrigen Preisen heraus. Die Reihe wurde ein riesiger Erfolg. 1972 ging das millionste Exemplar über den Ladentisch.

Natürlich findet sich auch die deutsche Hauptstadt im Programm. Das 2001 erschienene «Reisebuch Berlin» ist kompakt und vor allem serviceorientiert: Wegbeschreibungen, Telefonnummern, Internetadressen und Öffnungszeiten erleichtern die Orientierung. Der Band ist nach Themen und Bezirken geordnet, der obligatorische Potsdam-Teil gehört genauso dazu wie Ausflugsziele in das Umland. Geschichtliche Hintergründe hingegen finden sich kaum, Inspirationen für literarische Spaziergänge, etwa auf den Spuren Benns oder Kästners, gar nicht. Doch diesen Anspruch verfolgt die Reihe auch nicht. Sehenswürdigkeiten, Einkaufsmöglichkeiten und ein großer Mitte-Teil bilden den Schwerpunkt. Dass dabei einige der Ausgehtipps für die «Szene» in Mitte längst obsolet geworden sind, versteht sich von selbst. Nur gut zu erfahren, dass es sich noch immer in Schöneberg «gepflegt szenig weggehen» lässt und dass Kreuzberg - da, wo die «kreative Szene» lebt - «noch nicht völlig out» ist. hai