Die Politik ist das eine, die Ästhetik das andere

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Marion Leske

Soll sie nach Berlin kommen oder nicht?: Wie berichtet, wurde die Sammlung von Friedrich Christian Flick in Zürich zurückgewiesen, da er sich weigerte, Geld in den Zwangsarbeiterfonds einzuzahlen. Nun ist die Sammlung für Berlin im Gespräch, wo sich die Grünen-Politikerin Alice Ströver bereits dagegen und der Kunstmäzen Heinz Berggruen dafür aussprachen. Eine Umfrage der WELT bei Künstlern, Galeristen und Museumsleuten hat ergeben: Innerhalb der Kunstszene dominiert ein positiver Tenor. Die Hauptstadt als Standort der Flick-Collection - diese Vision findet selbst unter kritischen Geistern fast durchweg Zuspruch.

Der Wuppertaler Sammler Christian Boros, ein Liebhaber junger zeitgenössischer Kunst, gerät sogar ins Schwärmen: «Die Flick-Sammlung könnte dem Diamanten Berlin eine weitere Facette hinzufügen, auf dass eines Tages ein glänzender Brillant daraus wird.» Der Düsseldorfer Maler Jörg Immendorff räumt zwar ein, dass es «eine moralische Frage» gibt, die den ehemaligen Flick-Konzern tangiert, doch die müsse «auf andere Weise geklärt werden». Denn: «Man würde die Menschen bestrafen, wenn man ihnen Bilder vorenthielte, weil das Vermögen, mit dem sie finanziert wurden, vielleicht mit unlauteren Mitteln erworben wurde.» Er verstehe zwar die in Zürich vorgebrachten Argumente der Gegner, erklärt Immendorff, «aber ich würde sie nicht gelten lassen.» Zu wichtig sei ihm die emanzipatorische Wirkung künstlerischer Arbeit. In den Augen Immendorffs ist der Künstler «ein großes pädagogisches Element» in der Gesellschaft. «Darauf zu verzichten halte ich immer für einen Fehler.»

Auch sein Münchner Bildhauerkollege Olaf Metzel will das Politische vom Ästhetischen trennen. Den Disput über die Vergangenheit der Flick-Familie dürfe man, so fordert er, «keinesfalls auf dem Rücken der Kunst austragen». Nichts spreche dagegen, die Sammlung nach Berlin zu holen. Dort sei sie besser aufgehoben als in Zürich, glaubt Metzel, «denn in Berlin wird sie von vielen gesehen». Dieselbe Überzeugung äußert Johann König. Der jüngste Sohn des Kölner Museum-Ludwig-Chefs Kasper König hat vor zwei Monaten eine Galerie in Berlin eröffnet, weil «hier kulturell wie historisch vieles in Bewegung ist». Der Zwanzigjährige stimmt ausdrücklich mit Heinz Berggruen überein, der Flick von der Verantwortung für die Taten seiner Vorfahren freispricht. «Wir können den Enkel nicht in Sippenhaft nehmen», formuliert es der junge Galerist und meint: «Man muss auch mal einen Punkt machen.»

Raimund Stecker, Leiter des Arp-Museums in Remagen, hält dagegen «die Diskussion um die Flick-Vergangenheit» für richtig: «Sie ist Teil der Aufarbeitung, und Friedrich Christian Flick muss sich ihr stellen.» Ungeachtet dessen sollte «die öffentliche Hand auf jeden Fall die Möglichkeit nutzen, die Sammlung nach Deutschland zu holen». Wenn eine Schenkung in Aussicht gestellt würde, könne man das ja auch als Beitrag zum staatlichen Anteil am Zwangsarbeiterfonds betrachten.

Ausgerechnet ein gebürtiger Berliner fände es indessen «besser, wenn die Flick-Sammlung ihren Standort im Ausland fände». Der in Paris lebende Künstler Jochen Gerz begründet das damit, dass die Kollektion Flicks in Deutschland stets mit einem historischen Kontext verknüpft werde, mit dem sie eigentlich nichts zu tun hat. «Als Kunstliebhaber sollte man nicht zulassen, dass die eigene Sammlung als ,Blutkunst' bezeichnet wird. Deshalb sollte die Stadt Berlin darauf verzichten: Der vielleicht naive Wunsch, sie hier zu installieren, würde sie zum Menetekel machen. Dafür ist sie zu schade. Und Erinnerungen an die Geschichte hat Berlin genug.»

Der Berliner Galerist Gerd Harry Lybke wiederum findet es unsinnig, das Thema in den Medien breitzutreten, bevor Sammler und Generaldirektor ihre Vorstellungen dargelegt haben. Stattdessen regt Lybke ein offenes Podium an, «wo Herr Flick und Herr Schuster ihre Ideen zur Diskussion stellen. Da es sich um eine Kollektion handelt, die der Öffentlichkeit zugänglich sein wird, sollte man dieser Öffentlichkeit auch die Möglichkeit geben, sich über Veränderungen in der Sammlungspolitik zu informieren, ehe sie festgezurrt sind. Dabei müsse man «sowohl Anregungen als auch Kritik zulassen. Wir leben ja schließlich in einer Demokratie, und die wollen wir doch aus ausüben, oder?»