Bloß nicht in Würde altern

«Ich kann das vielleicht noch fünf Jahre machen. Danach wär's nur noch so was wie Barry Manilow», sagte Sänger Mick Jagger 1982, dem Jahr, in dem die Rolling Stones zum zweitenmal in der Berliner Waldbühne auftraten. Auch Weltstars können irren. Ans Aufhören denkt die Band noch lange nicht, auch nicht nach vier Dekaden. Heute vor 40 Jahren gaben die Rolling Stones ihr erstes Konzert im Londoner Club Marquee. Und am 3. September beginnt im Fleet Center von Boston die neue Welttournee der «größten Rock 'n' Rollband der Welt».

«Mick Jagger gründet Band» lautet die Überschrift des kleinen Artikels, der am 11. Juli 1962 im englischen Magazin «Jazz News» erschien: «Mick Jagger, R & B-Sänger, kommt morgen abend mit einer neuen Rhythm 'n' Blues-Gruppe in den Marquee-Club, während Blues Incorporated im Jazz-Club spielt. Die Gruppe heißt The Rolling Stones.» Es war der erste Auftritt unter diesem Namen, der Bluesfan Jagger damals zu der Aussage verleitete: «Ich hoffe, die Leute halten uns nicht für eine Rock 'n' Roll-Truppe».

Die Schulfreunde Mick Jagger und Keith Richards sowie der Gitarrist Brian Jones, der sich damals noch Elmo Lewis nannte, gehörten bereits dazu. Pianist Ian Stewart, Bassist Dick Taylor, der später die Yardbirds mitgründete, und Schlagzeuger Mick Avory, der bald zu den Kinks stoßen sollte, komplettierten die Band. Wenig später wurden Bassist Bill Wyman und Schlagzeuger Charlie Watts eingewechselt, und der Siegeszug der Bluesfans konnte beginnen.

Auf Platte erschienen die Rolling Stones erstmals am 7. Juni 1963. Da wurde die Single «Come On», eine Chuck-Berry-Coverversion, veröffentlicht - und fortan war nichts mehr so, wie es war. Die Beatles, sie waren nur der Anfang. Die Rolling Stones ließen die Liverpooler aussehen wie vier Waisenknaben. «Die Stones hatten den Vorteil, dass die Beatles die Nice Guys waren und sie ihnen etwas entgegensetzen konnten», meint Produzent und Regisseur Hannes Rossacher, der mit seinem Partner Rudi Dolezal 1982 die Dokumentation «Rolling Stones - Die ersten 20 Jahre» gedreht hatte. Nun haben die beiden die Stones-Geschichte weitergeschrieben. «Let It Bleed» heißt der neue Film von Rossacher und Dolezal, der am Sonntag auf Arte seine Premiere erlebt.

«Bei ,Die ersten 20 Jahre' hatten wir Alexis Korner als Moderator, und Nina Hagen machte auch mit», erzählt Rudi Dolezal. «Und als Schlussgag kündigte Nina Hagen den Teil über die nächsten 20 Jahre für Sommer 2002 an. Aber wir hätten nicht im Traum daran gedacht, dass das wahr werden würde.» Dieser erste Film wurde von der Band so geschätzt, dass DoRo - die Produktionsfirma von Dolezal und Rossacher - immer wieder mit den Stones zusammenarbeitete. Und sich viel Stoff für «die ersten 40 Jahre» ansammelte.

Zahlreiche Zeitzeugen kommen zu Wort, die Biografen Stanley Booth und David Dalton, Crawdaddy-Clubbesitzer George Gomelsky, die Stones-Musen Marianne Faithful und Anita Pallenberg, Kinks-Schlagzeuger Mick Avory, ja selbst Mr. und Mrs. Hemingway, die die Nachbarn waren, als die Stones Anfang der Sechziger in der Londoner Edith Grove wohnten.

«Let It Bleed», so Hannes Rossacher, «ist der Versuch, Popkultur für eine jüngere Generation darzustellen, die nicht Zeitzeuge gewesen ist. Mit Bands wie den Rolling Stones und den Beatles hat die gesellschaftliche Umwälzung der sechziger Jahre begonnen, Dinge, die für Jugendliche heute selbstverständlich sind.» Der Film mit der stattlichen Dauer von zweidreiviertel Stunden begleitet die Karriere der Rolling Stones chronologisch - bis zum 8. Mai dieses Jahres, als die Stones mit einem Zeppelin im New Yorker Stadtteil Bronx landeten und bekanntgaben, dass sie noch lange nicht daran denken, aufzuhören.

«Versucht bloß niemals, in Würde zu altern. Das passt nicht zu euch», hatte Kollege Pete Townshend den verbliebenen Herren Mick Jagger, Keith Richards, Charlie Watts und Ron Wood 1989 bei ihrer Aufnahme in die Rock 'n' Roll Hall of Fame mit auf den Weg gegeben. Sie halten sich offenbar daran.

«Let It Bleed», Themenabend 40 Jahre Rolling Stones, arte, Sonntag, 20.45 Uhr.