Alles was ein Schloss braucht

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Der Bundestagsbeschluss zur Wiederrichtung des Berliner Stadtschlosses mit barocker Fassade ist erst der Anfang. Jetzt muss nicht nur über Trägerschaft, Finanzierung und Bespielung des Gebäudes befunden werden. Nun sind auch die vielen Accessoires festzulegen. Denn zu einem richtigen Schloss gehören mindestens ein Gespenst, eine Biermarke und Bedienstete. Nachfolgend einige Anregungen.

Die Bediensteten

Ihre Uniform steht natürlich fest: weiß und schwarz, die preußischen Farben. Sie finden sich auch im Trikot der Fußball-Nationalelf und haben dort erst jüngst bewiesen, dass sie zum modernen Patriotismus beitragen. Weil diesem auch das Schloss dient, tragen die Kassendamen, Kellner und Führerinnen oben Weiß und unten Schwarz. Was ihre Staatsangehörigkeit angeht, so ist zu bedenken, dass in originalen Barockschlössern Schwarze und Chinesen angestellt waren. Daher ist Internationalität erwünscht. Allerdings sollte in Pisa-Zeiten auf gute Kenntnisse der deutschen Sprache geachtet werden. Beim Alter ist größte Bandbreite zu gewährleisten: Zu Schlössern gehören uralte Ammen und blutjunge Zofen, greise Kastellane und knabenhafte Pferdeknechte. Eins aber muss anders sein als früher: Das Personal hat sich noch geringsten Besuchern gegenüber jeder Arroganz zu enthalten. mka

Das Hofbräu

Welche Chancen das neue alte Schloss eröffnet, dürfte auch überregional schnell offenbar werden, wenn man Essentielles wie die Getränkeversorgung Berlins betrachtet: Zwei Großbrauereien, die eine Vielzahl von Marken erzeugen, dazu eine kleine Privatbrauerei am Müggelsee, die sich bezeichnenderweise «Bürgerbräu» nennt. Was liegt da näher, sich München und seine Wittelsbacher zum Vorbild zu nehmen und das Berliner Stadtschloss-Pils zu kreieren, ein Premium, vollendet geeignet, Durst und Lebensart in Einklang zu bringen?

Schon die DDR-Führung war sich dieses massenwirksamen Zusammenspiels bewusst, als sie in ihren Palast der Republik eine Reihe von Gaststätten einbauen ließ. Die Tourismus-Manager werden den Vorschlag begrüßen, weil ein Hofbräu - siehe München - die Vermittlung Berliner Werte jenseits des Atlantiks gewaltig erleichtert. Auch die am Mittwoch erstmals tagende «Arbeitsgruppe Schlossareal» wird begeistert sein, ist doch damit für einen Teil des Schlosses ein überzeugendes Nutzungs- und Finanzierungskonzept bereits gefunden. Und allen Politikern wird es recht sein. Schließlich eröffnet sich mit einer Schlossbrauerei die Chance, Politik nach altem bayrischen Vorbild zu gestalten: Sind die Zeiten schlecht, wird der Bierpreis gesenkt. Wir freuen uns. see

Das Gespenst

Als der Bundestag im Jahr 2002 beschloss, das Berliner Schloss wieder aufzubauen, «sagte ihm jeder, er begehe damit eine große Dummheit, da keinerlei Zweifel bestünden, dass es dort spuke». So könnte Oscar Wilde reagieren, dessen Erzählung «Das Gespenst von Canterville» diesen Anfang nimmt. Keinerlei Zweifel bestehen, dass ein mit allerlei Heilskitsch befrachteter Neubau ein Gespenst braucht. Es wird Schlag zwölf Uhr mittags auf dem staubigen Dachboden erwachen und wie Otfried Preußlers Kleines Gespenst mit einem Schlüsselbund sämtliche Türen öffnen. Das überirdische Wesen ist selbstverständlich ein Hohenzollern, Überbleibsel eines unglücklichen Vetters des Großen Kurfürsten, Friedhelm getauft, der sich - weil er nicht mit zur Krönung durfte - vor Gram im Ostflügel des Stadtschlosses selbst einmauerte und seitdem sein merkwürdiges, doch preußisch galatantes Unwesen trieb. Karl Marx' berühmter Satz vom Umgehenden Gespenst in Europa war nicht zuletzt auf Friedhelm gemünzt, weshalb das Gespenst im Palast der Republik auf höchste Anweisung überwintern durfte. Mit Friedhelm im Rücken bekommt der kritische Satz «Mit dem Schloss kehren die alten Gespenster wieder», endlich seine freudigste Bestätigung. krei

Der Hofstaat

Unverzichtbar und mit größter Sorgfalt handzuverlesen sind natürlich die Schranzen im Schloss. Zum Antichambrieren mag mancher geboren sein, doch nur wenige sind auserwählt, auch vorgelassen zu werden in die Gemächer der Hochmögenden. Udo Walz wird man allenfalls beim öffentlichen morgendlichen Lever für fünf Minuten um sich dulden, um ihn alsbald mit einem herrischen «Figaro, husch» wieder in Gnaden zu entlassen. Sodann wird man nicht umhin kommen, die üblichen verdächtigen Bittsteller, vor allem aus dem Bereich der Kultur, anzuhören. Bevor sie nicht einen Kursus in höfischer Weitschweifigkeit bei Christoph Stölzl absolviert haben, bekommen sie aber keine Gelegenheit, ihre Anliegen vorzutragen. Natürlich wird man bei verdienten Charity-Ladies slawischer Abstammung eine Ausnahme machen und etwa Irina Pabst den Direktzugang zur Macht gewähren. Um aber in Fragen der Etikette stets auf Nummer sicher gehen zu können, ist es von absoluter Dringlichkeit, analog zum Verfahren, mit dem der Kaisersaal aus dem Hotel Esplanade versetzt wurde, den Salon von Nicolaus Sombart aus Wilmersdorf ins Schloss zu transferieren. TK