Aufbau Verlag will Insolvenz anmelden

Der Aufbau Verlag in Berlin war seit seiner Gründung 1945 das wichtigste Bücherhaus der DDR.

Foto: pa/dpa / usage worldwide, Verwendung weltweit

Der Aufbau Verlag in Berlin war seit seiner Gründung 1945 das wichtigste Bücherhaus der DDR. Er ist heute der letzte noch existierende Großverlag, dessen Wurzeln ins sozialistische Deutschland zurückreichen. Wenn er, wie jetzt gemeldet, Insolvenz anmelden und vielleicht schließen muss, werden von der Verlagslandschaft der DDR, die sich ein "Leseland" nannte, nur noch Rudimente übrig sein.

So wie es derzeit aussieht, könnte Aufbau ein letztes Opfer der von der Treuhand betriebenen Privatisierung von DDR-Staatsunternehmen werden. Der Vorgang ist zumindest beunruhigend und mit Blick auf die Vorgehensweise der Treuhand höchst bedenklich. Dabei sah es zunächst für den Verlag sehr gut aus: Aufbau hatte mit dem Frankfurter Immobilienunternehmer Bernd F. Lunkewitz einen finanzstarken Chef gefunden. Einen zudem, der keine Berührungsängste vor der sozialistischen Vergangenheit von Aufbau hatte. Lunkewitz war in den Jahren der Studentenbewegung Mitglied der KPD-ML, später als Selfmademan zu beträchtlichem Vermögen gekommen und pflegte weiter eine Lenin-Büste in sein Bücherregal zu stellen.

Besitzer war der DDR-Kulturbund

Allerdings musste er schon bald nach dem Kauf feststellen, dass der Verlag offenkundig nicht aus dem Vermögen der SED stammte, über das die Treuhand das gesetzliche Verfügungsrecht hatte. Aufbau war Besitz des Kulturbundes der DDR, einer zwar nicht politisch, aber rechtlich unabhängigen Massenorganisation, die auch nach der Wiedervereinigung weiter existierte. Die Treuhand hatte also an die Beteiligungsgesellschaft von Lunkewitz etwas verkauft, was ihr juristisch gar nicht gehörte.

Lunkewitz ist nicht der Mann, der so etwas klaglos mit sich machen ließe. Er erwarb den Aufbau Verlag 1995 vom Kulturbund als Privatmann ein zweites Mal - und konnte sich erst jetzt sicher als dessen Eigentümer betrachten. Verständlicherweise forderte er daraufhin von der Treuhand, das erste Geschäft rückgängig zu machen. Doch die weigerte sich, obwohl die Beweislage eindeutig war und - wie Lunkewitz in persönlichen Gesprächen gern berichtet - führende Vertreter der Treuhand sich sehr wohl darüber im Klaren waren, dass ihnen ein Fehler unterlaufen war: "Wenn Sie gegen uns klagen wollen", zitiert sie Lunkewitz, "müssen Sie einen langen Atem haben."

Bundesgerichthof gab Lunkewitz Recht

Lunkewitz hatte den langen Atem. Anfang des Jahres entschied der Bundesgerichtshof, dass nach "unstreitigen Tatsachen" der Aufbau-Verlag Eigentum des Kulturbundes und nicht der SED gewesen war - und also die Treuhand den mittlerweile entstandenen Schaden zu regulieren habe. Alle Geschäfte, die der Verlag seit 1991 unter der Führung von Lunkewitz' Beteiligungsgesellschaft getätigt hatte, hatten keine Rechtsgrundlage. Wie auch alle Investitionen der letzten 17 Jahre in den Verlag.

Mit dem auf den ersten Blick kuriosen, aber rechtlich einwandfreien Ergebnis, dass der Privatmann Lunkewitz, der Aufbau vom Kulturbund kaufte, dem von seiner Beteiligungsgesellschaft geführten Verlag nun eine Schadenersatzforderung von 50 Millionen zustellte - die der Verlag nicht bezahlen kann. Die Situation ist damit juristisch so verzwickt, dass selbst gewiefte Rechtsgelehrte noch länger an der Nuss zu knacken haben werden. Sicher ist, dass der Fall ein bemerkenswertes Licht auf die Hemdsärmeligkeit wirft, mit der die Treuhand in Vereinigungstagen vorging. Wie viele andere Käufer hatten Lunkewitzs "langen Atem" nicht und mussten das Vorgehen der Treuhand zähneknirschend akzeptieren?

Die andere Frage ist, wie geht es weiter mit Aufbau? Hier bleibt nur die Hoffnung, dass der juristisch trickreiche Lunkewitz das Insolvenzverfahren nur als Schachzug im windungsreichen Rechtsfall braucht - und den Verlag nicht wirklich sterben lässt.