Staatsoper: Wowereit sucht Intendanten

In der Neuköllner Oper gab es gestern eine außergewöhnliche Aufführung: Der Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses hatte sich auf den Weg gemacht, um sich im Rahmen einer Anhörung vor Ort über den Ort zu informieren.

In der Neuköllner Oper gab es gestern eine außergewöhnliche Aufführung: Der Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses hatte sich auf den Weg gemacht, um sich im Rahmen einer Anhörung vor Ort über den Ort zu informieren. Klar, dass es beim Besuch der vierten Berliner Oper auch um die drei anderen ging, zumal nach den Ereignissen der vergangenen Woche. Den Abgang des Staatsopern-Intendanten Peter Mussbach bezeichnete Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit als "schwierige politische Entscheidung, die getroffen werden musste". Jetzt "suchen wir einen Nachfolger", so Wowereit gestern vor dem Ausschuss. Die Abgeordneten interessierten sich allerdings mehr für die zweite Personalie, für Georg Vierthaler, den ebenfalls abberufenen Staatsopern-Geschäftsführer. Vierthaler wurde "zum 1. Mai als geschäftsführender Direktor zum Konzerthaus abgeordnet", betonte Wowereit, der ergänzte, dass Vierthaler seit dem 1. Mai nicht mehr von der Staatsoper bezahlt werde. Fehlte eigentlich nur die Nachfrage, warum Vierthaler Anfang nächster Woche mit der Staatskapelle nach Buenos Aires fliegt und wer die Reise bezahlt. "Sie geht nicht zu Lasten der Staatsoper", stellte Vierthaler auf Nachfrage der Morgenpost klar. In einem Stadtteil der argentinischen Hauptstadt, mit der Berlin eine Städtepartnerschaft unterhält, entstünde ein Musikzentrum, für das das Konzerthaus als Modell herhalten könnte, so Vierthaler, der "als Berater eingeladen wurde".

Aber natürlich ging es auch um die Neuköllner Oper, die vom Land Berlin mit jährlich rund 900 000 Euro unterstützt wird und damit im vergangenen Jahr 244 Vorstellungen auf die Bühne gebracht hat. Aber zu welchem Preis! "Die Künstler bekommen 1000 Euro als Pauschale für die Probenzeit und 80 Euro Abendgage, die Festangestellten verdienen zwischen 1250 und 1450 Euro", betonte Christian Römer, Geschäftsführer der Neuköllner Oper. So ist die finanzielle Lage in der freien Szene, die für die kulturelle Vielfalt dieser Stadt sorgt, aber nur mit Selbstausbeutung funktioniert. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen erscheint der Staatsopern-Streit um die Verteilung von zusätzlichen Millionen noch absurder, als er ohnehin schon ist.

Stefan Kirschner