Flotte und nicht so flotte Dreier

Es ist Weihnachtsmorgen, die komplette Familie ist versammelt, die Kindlein fragen den Papa, wo eigentlich die Mama sei.

Foto: samba

Es ist Weihnachtsmorgen, die komplette Familie ist versammelt, die Kindlein fragen den Papa, wo eigentlich die Mama sei. Der verweist sie in das Zimmer seines Bruders - und tatsächlich liegt dort Mutti bei Onkel im Bett. Die Kleinen bringen ihr frischen Kaffee. Friedliche Koexistenz in dem harmlosen französischen Wettbewerbsfilm "Un conte de noel". Der Maler Javier Bardem zerstreitet sich in Woody Allens "Vicky Cristina Barcelona" mit der Geliebten Penelope Cruz, lernt die US-Touristinnen Rebecca Hall und Scarlett Johansson kennen, verführt erst die erste, dann die zweite. Dann kehrt Penelope zurück, was zu Spannungen führt, aber bald sind sie und Javier und Scarlett die schönste Menage à trois.

Das Tabu vom Sex im Alter

Inge wiederum ist Mitte 60 und seit Ewigkeiten zufrieden verheiratet mit Werner. Trotzdem beginnt sie mit dem noch zehn Jahre älteren Karl eine Affäre. Die gesteht sie ihrem Mann - aber statt eines einvernehmlichen Miteinanders zu dritt wird eine Person das nicht überleben. Denn Andreas Dresens "Wolke 9" spielt nicht in Frankreich oder Spanien, sondern in Deutschland, im Osten Berlins. Es ist der bisher ernsteste Dresen, der das Tabu von Liebe und Sex im Alter aufgreift, aber sich nicht im Tabubruch gefällt, sondern vor allem ein Film über letzte Chancen im Leben ist. Die starke "Wolke 9" war der direkte Konkurrent von Wim Wenders' "Palermo" um einen Platz im Wettbewerb und wurde in letzter Minute in die Reihe "Un certain Regard" delegiert; vielleicht war dem Festival die bewusst nüchterne Inszenierung Dresens zu konventionell.

Ganz grimmig - weil in der paternalistischen Türkei spielend - wird das Dreieck der Leidenschaft schließlich in Nuri Bilge Ceylans "Die drei Affen", wo ein Chauffeur für seinen fahrerflüchtigen Chef ins Gefängnis geht und der prompt ein Verhältnis mit dessen Frau beginnt; erstmals hat der für seine streng komponierten Bilder bekannte türkische Regisseur auch eine starke Geschichte gefunden.

Nun ist es nicht so, dass es in Cannes keine heiteren Kinomomente gäbe. Aber sie werden nicht ernst genommen. Man sieht den neuen Woody und unterhält sich zwei Stunden prächtig - doch bei längerem Nachdenken schleicht sich Trauer ein: Allen, der einst in Manhattan pointiert beobachten konnte, befindet sich nun praktisch im europäischen Exil, weil er in Amerika das Geld nicht mehr findet, um ohne Einmischung drehen zu können. In Europa geht er dorthin, wo die Quellen fließen, erst nach England, nun Spanien. Was dabei heraus kommt, sind fast touristische Filme, die mit bekannten Klischees dieser Länder amüsant spielen - und bald dem Kurzzeitgedächtnis entfleuchen.

Im ersten Cannes-Drittel gab es aber genug, was haften bleiben wird. Von Steve McQueen - nicht der verblichene Action-Held, sondern der britische Künstler und Turner-Preisgewinner - stammt "Hunger", der den Hungerstreik des IRA-Häftlings Bobby Sands von 1981 thematisiert. Es ist ein Film, der keine Haltung bezieht, aber er revidiert Geschichte insofern, als er die alte Lesart - "IRA-Leute sind Terroristen, und mit Terroristen verhandelt man nicht" - nicht mehr akzeptiert. Die zentrale Szene ist ein scharfes Rededuell zwischen Sands und einem ihn besuchenden Priester, an dessen Ende es keinen Sieger gibt. McQueen, der Wert darauf legt, sich an keinerlei Vorbild der Filmgeschichte zu orientieren, filmt diese Szene in gefühlten 15 Minuten ohne jeglichen Schnitt. Die Filmsprache, sollte man meinen, ist über solch statische Blicke längst hinweg, doch der Verzicht auf jegliche Sehhilfe zwingt, auf jedes Wort genauestens zu achten.

Ein Boxweltmeister verteidigt sich

Auch James Tobacks "Tyson", eine Dokumentation über den früheren Boxweltmeister, ist eine Revision bereits geschriebener Geschichte. Das allgemeine Bild von Tyson ist das eines Schlägers (des härtesten der Boxgeschichte) und eines Brutalo (der wegen Vergewaltigung drei Jahre im Gefängnis saß). Toback lässt sein Subjekt hauptsächlich reden und in alten Ausschnitten boxen, und wenn man Tysons freiherzigen, von Reue getränkten Erzählungen über seine Irrwege zuhört, wird man ihn sich zwar nicht gleich als Schwiegersohn wünschen, aber erstmals Interesse für ihn als Menschen aufbringen.

Die Verfilmung des Bestsellers "Gomorra" zeigt weniger ein Interesse an Menschen als an Strukturen, wie schon der Eröffnungsfilm "Blindness". Matteo Garrones Blick ruht auf tristen Betonburgen Siziliens, wo sich nicht die Frage "Mafia ja oder nein" stellt, sondern nur, welchem Capo man sich unterwerfen soll. Der Film webt das enge Netz zwischen kleinen Handlangern und Unterbossen, Oberbossen und der Politik - aber sagt uns nichts Neues über mafiöse Strukturen und bleibt auch inszenatorisch sehr konventionell.