Runnicles dirigiert in der Philharmonie

Natürlich konnte Berlioz stolz sein auf seine "Grande Messe des Morts", dies wahrhaft bis dahin unerhörte Werk, dessen instrumentaler und vokaler Aufwand noch heute jede Vorstellung übersteigt.

Natürlich konnte Berlioz stolz sein auf seine "Grande Messe des Morts", dies wahrhaft bis dahin unerhörte Werk, dessen instrumentaler und vokaler Aufwand noch heute jede Vorstellung übersteigt. Allein schon der Anblick der großmächtigen Paukenreihe auf dem Podium der Philharmonie, die rundum sich buchstäblich gen Himmel stapelnden Fernorchester, vier an der Zahl, verstand sprachlos zu machen. Von hoch droben taute überdies der stramme Wohllaut des Solo-Tenors hernieder. Der Kanadier Joseph Kaiser lieh ihm seine generös durchschlagskräftige Stimme. Unter der (übrigens linken) Hand von Donald Runnicles vereinte sich mit den Philharmonikern ein Ensemble von Event-Charakter.

Die Spitzenstelle dabei nahm der riesige Atlanta Symphony Orchestra Chor unter Leitung von Norman Mackenzie ein: eine Vereinigung singfreudiger und singmächtiger Laien, die sich hinter keinem professionellen Chor zu verstecken braucht. Aus zweihundert wohltrainierten Kehlen stieg Berlioz' "Requiem" leuchtend auf.

Zeitweilig hört sich das Stück wie die Verlesung einer preisgekrönten Speisekarte ungeahnter Klangmöglichkeiten an. Möglicherweise trug Berlioz sogar fünf Kochmützen beim Komponieren: beim nachdrücklichen Würzen dieses Requiems mit den frischen Zutaten eines ganz neuen Zusammenspiels. Er lässt im "Hostias" gnadenlos drei Flöten gegen acht Posaunen antreten. Es kommt aber zu keinem Massaker, sondern zur Aufforderung, genau hinzuhorchen und den Klang genießerisch abzuschmecken. Es geht bei allem instrumentalen Aufwand höchst kontrolliert und sorgfältig zu. Berlioz' Visionen tendieren eher zu hochkarätiger Milde als zu fortgesetztem Donnergeschrei. Selbst die Verkündung des "Dies irae", des Tags der Rache, sonst gern zu einer Saalschlacht der Instrumente hochgekitzelt, verliert bei Berlioz nicht seine vornehme Diktion.

Nie schaufelt er mit seiner Totenmesse ein Massengrab. Er hält dem Vorrang der Musik unverbrüchlich die Treue. Sie übersteigt mit Inbrunst, Andacht und feinstem Sinnenkitzel die Gräber. Sie gibt sich nachdrücklich luxuriös. Sie setzt auf musikalisch Haute Couture - und geradezu einen Christian Dior am Pult. Donald Runnicles, der designierte Generalmusikdirektor der Deutschen Oper, erwies sich als weit mehr denn ein formidabler Ersatz.

Klaus Geitel