"George Lucas geht über Leichen"

Die Rückkehr von Indiana Jones auf die Leinwand nach 19 Jahren ist das Kinoereignis des Jahres.

Die Rückkehr von Indiana Jones auf die Leinwand nach 19 Jahren ist das Kinoereignis des Jahres. Regisseur Steven Spielberg hat alles dafür getan, dass so wenig Menschen wie möglich etwas über seinen neuen Film erfahren. Jeder Mitarbeiter musste einen hieb- und stichfesten Vertrag unterschreiben, nichts über "Indiana Jones und das Königreich des Kristallschädels" zu verbreiten; ein Statist, der einen Teil der Geschichte an eine Zeitung verriet, wurde aus Strafe aus dem Film wieder rausgeschnitten. Gestern lief der Film erstmals beim Filmfestival in Cannes (außer Konkurrenz), am Donnerstag kommt er in unsere Kinos. Mit Steven Spielberg sprach Frances Schoenberger.

Berliner Morgenpost: Mister Spielberg, was hat Sie überzeugt, nach beinahe 20 Jahren Ihren Helden Indiana Jones in "Das Königreich des Kristallschädels" wieder aufleben zu lassen?

Steven Spielberg: Es ist immer das Gleiche, was mich überzeugt, einen Film zu machen: ein gutes Drehbuch. Daran haben wir seit fünfzehn Jahren hartnäckig gearbeitet. Wissen Sie, es musste einfach stimmen. Es musste der richtige Film im richtigen Moment sein. Der neue Film musste die Magie der ersten drei Filme wieder einfangen. Ich habe nicht versucht, Indiana Jones' Charakter zu verbessern, sondern ihn authentisch wieder zu beleben. Das war nur möglich durch eine Kombination von richtigem Drehbuch, richtigem Ton und dem einzigartigen Beitrag von Harrison Ford.

Shia LaBeouf sagte vor einiger Zeit bei einem Interview, er könne nichts, absolut gar nichts über Indiana Jones erzählen, weil ihn ein Scharfschütze, bezahlt von Steven Spielberg, 24 Stunden am Tag im Visier hätte. Warum machen Sie die große Geheimnistuerei, es ist doch nur ein Film?

Es gibt viele, die hier ein Interesse an Geheimhaltung haben, allen voran die Fans. Die wollen die Geschichte gar nicht wissen, bevor sie nicht komplett ist. Sie warten lieber auf die Überraschung, und wollen das aufregende Erlebnis der vollständig erzählten Geschichte im Kino. Wir haben die Story mit gebührender Sorgfalt beschützt, und verschiedenste, zum Teil außergewöhnliche Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Zum Beispiel hat niemand von der Crew jemals ein Drehbuch bekommen. Die einzigen am Drehort, die ein Buch hatten, waren die Scriptfrau Anna Marie Quintano und ich. Die Schauspieler haben, wie bei Vorsprechproben, nur die Dialoge für ihre Rolle bekommen, sonst nichts. Sie haben sicher davon gehört, dass von unserem Produktionsbüro 4000 Fotos gestohlen wurden. Die hätten die ganze Story verraten können. Der Dieb hat die Bilder einer Website, die ich nicht nennen will, zum Kauf angeboten. Diese Betreiber der Website liebten aber die Indiana Jones Serie so sehr, dass sie die Rechtsabteilung von Paramount informierten. Das FBI wurde eingeschaltet und der Dieb sitzt nun im Gefängnis. George Lucas geht über Leichen. Ich bin versöhnlich, aber George Lucas geht über Leichen (lacht).

Seit Ihrer letzten Zusammenarbeit mit George Lucas hat sich Hollywood sehr verändert. Finden Sie, dass die Art von Unterhaltung, die Sie produzieren, gefährdet, oder gar schon überholt ist?

Spielberg: Ich denke, dass sich Hollywood nicht verändert hat. Und es hat uns auch sicherlich nicht hinter sich gelassen. Wir waren an der Front, wir haben Hollywood verändert. Es wird viel diskutiert über die "Digital Craft", und die Kontroverse von digitalem Drehen gegen konventionelles Zelluloid, und darüber, wie Filme in den nächsten Jahren ausgestellt werden. Aber nach all dem geht es trotzdem immer wieder nur um das Eine: Was ist der Plot? Wer sind die Charaktere? Was wird das Ende des Films sein? Kann ich meine Kinder mitbringen? Und wenn nicht, warum? Ich denke und hoffe, dass sich das nie ändern wird.

Stimmt es, dass Sie als Regisseur bei den Dreharbeiten das Gefühl hatten, in den Regiestil eines jungen Regisseurs zurückzufallen?

Nun, ein "junger Regiestil" wäre mehr wie "Das Bourne Ultimatum". Ich musste aber tatsächlich zurückgehen in einen "alten Regiestil", um den Film nicht zu einem Cousin, sondern zu einem nahen Blutsverwandten der ersten drei Teile zu machen. Wenn der Film im Stil nicht ganz nah an den Originalen dran wäre, dann könnte man das Gefühl bekommen, dass ich einfach den neuen Trend imitiere. Die neuen Actionfilme haben übrigens selbst oft sehr viel von den alten Indiana Jones Filmen geborgt - was kein Problem ist, auch ich gebe offen zu, mich sehr viel bei den Action-Adventure Filmen der 30iger und 40iger Jahre bedient zu haben. Jedenfalls wollte ich einfach, dass dieser neue Film absolut blutsverwandt ist mit den ersten drei Teilen.

Obwohl Sie viele ernsthafte Filme gedreht haben und über sechzig Jahre alt sind, haben Sie immer noch die Unschuld und Phantasie eines jungen Buben.

Das hat mit meiner Mutter zu tun. Meine Mutter ist 88 und führt immer noch ihr eigenes Restaurant. Sie hat ihr inneres Kind immer am Leben gehalten, und ich glaube, meine drei Schwestern und ich haben diese Magie von ihr geerbt. Das beweist auch, dass nur das Äußere des Menschen altert. Das Innere bleibt jung - solange man sich nicht in Zynismus verstricken lässt, und sich von der Welt kaputtmachen lässt. Meine Mutter hat sich nie von etwas die Laune verderben lassen. Wenn ich das Bubenhafte von irgendjemand habe, dann sicherlich von ihr.