Theater

Macbeth brüllt jetzt in einem Waschsalon

Zwölf Megawaschmaschinen stehen auf der Bühne. Denn Macbeth kommt diesmal aus dem Mittelstand und ist offenbar in leitender Position für die Kette einer chemischen Reinigung tätig. In luftiger Höhe kurvt ein Bügelkarussell mit abholbereiten Kleidern. Lady Macbeth wird sich im Laufe des Abends immer wieder an diesen Klamotten der Kundschaft (die aber niemals zur Abholung aufkreuzt) bedienen.

Wenn wir die Situation des Betriebs richtig verstehen, will sich Firmengründer Duncan (ehemals König von Schottland) zur Ruhe setzen. Sohn Malcolm hat aber keinen Bock auf Dienstleistung. Da würde Geschäftsführer Macbeth gerne rechtmäßiger Eigentümer. Er hat die Nase voll von "Mac hierhin, Mac dahin".

Die Regisseurin Yana Ross kam 1973 in Moskau zur Welt. Als sie 17 war, zog die Familie nach New York. "Zukünftig", hören wir, wird Frau Ross an der Yale University promovieren. Vorher hat ihr die Volksbühne Gelegenheit gegeben, Shakespeares Tragödie vom mörderischen Ehrgeiz zu inszenieren. Offenbar hat sich Frau Ross gedacht, in der Höhle des Löwen Frank Castorf müsste die Geschichte besonders ungewöhnlich und schrill aussehen.

Die Damen und Herren des Ensembles verlautbaren schon mal aus der Tiefe der Waschmaschinen: "Bauknecht weiß, was Frauen wünschen" - was zweifellos auf intensives Coaching der Dramaturgie-Abteilung schließen lässt. Offiziell hält sich Ross aber noch an Heiner Müllers Textfassung. So kommt es, dass die Leute in diesem wunderbaren Waschsalon mit Worten und Gedanken weiterhin, irgendwie, dem alten Schottland verhaftet sind. So rätseln Macbeth und Banquo anfangs, was das wohl sein mag: ein "Than von Cawdor".

In Ankündigungen der Volksbühne war allerlei von Globalisierung und Rationalisierung die Rede. Ferner wurde in Zahlen mitgeteilt, wie viele Unternehmen weltweit täglich Insolvenz anmelden. Dieser Reinigungs-Betrieb hier geht, wie es Macbeth auf seine typisch schottische Weise ausdrückt, "den Bach runter". Das Verschulden hierfür ist vor allem bei der Inszenierung zu suchen. Sie nimmt der Tragödie jegliche Tiefe. Sie drückt auf die Aktualitäts-Tube. Aber sie kann mit noch soviel Heck-Mac und Geschrei die eigene Gedankenleere nicht verstecken.

Schreien ist das hervorstechende Stilmerkmal der Aufführung. Der Programmzettel kennt keine Rollenverteilung. Mit kollegialer Hilfe tippen wir auf Uwe Schmieder als Darsteller der Titelrolle. Macbeth ist der Chefschreihals an diesem Abend. Und man möchte nicht gerne in Reihe eins oder zwei sitzen, wenn ihm nach ausgiebigem Gebrülle und Gekrähe an vorderer Rampe der Schaum schon buchstäblich vor dem Munde steht und weht.

Der Schrei-Virus hat besonders auch den rechtmäßigen Thron- respektive Chefsesselfolger Malcolm erwischt. Er muss sich hier, nebst einer dazuerfundenen Schwester, als Kleinkind aufführen. Auch mit den Wasserressourcen wird in der Inszenierung glücklicherweise sorgsam umgegangen, so dass der Junge vorerst nicht um sein Wohl fürchten muss, wenn er konsequenterweise irgendwann in einer der Waschmaschinen landet.

Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Tel. 240 65 631. Termine: heute, 20 Uhr; 8. und 19. 9., 19.30 Uhr. Macbeth