Bühne

Biermann genießt seinen Auftritt in vollen Zügen

Zum zweiten Mal kehrte Wolf Biermann heim nach Berlin Mitte. Ans Berliner Ensemble, wo er in den 50ern als Regieassistent tätig gewesen war. Doch Biermann kam nicht allein. Wie schon im letzten Jahr erhielt er Verstärkung vom Göteborger Kammerchor unter der Leitung von Gunnar Eriksson.

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Entsteht hier eine neue deutsch-schwedische Biermann-Tradition, wie es die Botschafterin Schwedens kurz vor Konzertbeginn stolz verkündete? Es sah ganz danach aus.

Arrangeur Eriksson hatte tief in die Trickkiste gegriffen. Mal umschmeichelte der Chor die Lieder Biermanns mit ätherischem Schönklang, dann wieder ließ er wackelige Cluster und mikrotonales Stimmgewirr aufbrausen. Auf dem Sprung durch die Musikepochen streifte das Ensemble die Chansonkunst der Renaissance ebenso wie Bach-Choral und romantischen Chorsatz. Daneben sorgten zwei Jazzmusiker, Pianist und Saxophonist, für improvisatorische Spontanität. Das Überraschendste: Es passte alles irgendwie zusammen. Fern von jeder Sentimentalität gewannen die Lieder an zusätzlicher Tiefe.

Biermann bot in abgewetzter brauner Cordhose das gewohnte Bild. Er genoss seinen Auftritt in vollen Zügen. Er hatte ein vielköpfiges Ensemble auf der Bühne, das ihn mindestens genauso verehrte wie sein Publikum. Er konnte sich, wenn nötig, fallen lassen, sich ausklinken, ausruhen.

Mit der "Ballade vom preußischen Ikarus" begann der Abend geschichtsträchtig. Biermann hatte das Stück ein Jahr vor seiner Ausbürgerung geschrieben und als Zugabe auf seinem legendären Köln-Konzert 1976 vorgetragen. Ein Lied, das auf eindrückliche Weise die innere Zerrissenheit des Künstlers angesichts der deutsch-deutschen Teilung zeigte.

Biermann kamen beinahe die Tränen. Er brach ab, setzte wieder an. "Es ist zu nah...da sind zu viele Erinnerungen...", entschuldigte er sich. Immer wieder sang Biermann von Vergangenheit, Schmerz und bitteren Erfahrungen.

Ein Kapodaster half seiner Gitarre, ferne Tonarten zu erreichen. Bei den neueren Liedern schaute Biermann sicherheitshalber auf seine Spickzettel.

Zwischen den Stücken streute der Liedermacher kleinere und größere persönliche Weisheiten ein. Sprüche wie "Ich glaube nicht an Gott, sondern an die Menschen. Und dieser Glaube ist noch weniger zu begründen." Oder: "Die Sehnsucht nach dem Tod ist doch nichts weiter als die spiegelverkehrte Sehnsucht nach einem lebendigeren Leben."

Biermann schwärmte davon, 'schwedifiziert' zu sein. Als Beweis dafür widmete er den Mittelteil des Programms dem schwedischen Dichter Nils Ferlin. Für die Lieder "In die Irre" und "Grauer Vogel" holte Biermann - keineswegs frei von Eitelkeit - seine junge hübsche Frau Pamela auf die Bühne.

Sein schwieriges Verhältnis zu Berlin kam dann im Lied 'Heimkehr' zum Ausdruck: "Heim, Heimat, Heimweh" heißt es dort, "gibt es wohl, doch Heimkehr keine"... "BE! - Wo sind sie alle hin, die Penner / Jetzt starr ich wie verrückt Visagen an / Und denk: so grinste Stasi-Schiefmaul, wenn er / Vor meinem Haus rumhing, als Jedermann /..."

Und Biermann ließ tatsächlich seinen Blick scharf durch das Publikum wandern.