Star-Ruhm durch die Piaf: Marion Cotillard

Diese Rolle ist das, was man gern die größte Herausforderung einer Karriere nennt: eine Figur, die die Messlatte für ihre Darstellerin so hoch legt, dass alles unterhalb der triumphalen Besitznahme als Scheitern gelten muss.

Diese Rolle ist das, was man gern die größte Herausforderung einer Karriere nennt: eine Figur, die die Messlatte für ihre Darstellerin so hoch legt, dass alles unterhalb der triumphalen Besitznahme als Scheitern gelten muss. Die melancholische Entschlossenheit des Spiels von Marion Cotillard, ihre ausdrucksvoll großen Augen unter wehmütig schweren Lidern schienen sie zu disponieren für das Martyrium der Edith Piaf.

Aber stand sie je vor der Wahl, sich gegen diese Figur zu behaupten? Sie muss in "La Vie en rose" mit einem fest konturierten Bild, mit den Erinnerungen ganzer Generationen konkurrieren. Die Piaf hat ihr Publikum so unmittelbar teilhaben lassen an Glück und Katastrophen, dass es auch mehr als vier Jahrzehnte nach deren Tod noch glauben darf, ein Anrecht auf sie zu besitzen. Cotillards expressives Körperspiel, ihre Verwandlung in die bestürzend gealterte Piaf ist so präzis auf den Geschmack Hollywoods zugeschnitten, dass der Oscar, den sie erhalten hat, niemanden ernsthaft überrascht hat. Nach dem César, dem Golden Globe und dem BAFTA-Award der Britischen Filmakademie hat sie an diesem Abend mehrere Rekorde gebrochen: Sie ist erst die zweite Französin (nach Simone Signoret in "Der Weg nach oben"), die als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet wird. Und vor ihr hat nur Sophie Loren (in "Und dennoch leben sie") in einer nicht-englischsprachigen Hauptrolle gewonnen.

"La Vie en rose" wird nicht die Rolle ihres Lebens bleiben. Allzu klug hat die 1975 in Paris geborene Marion Cotillard bislang ihre Karriere eingerichtet, hat sich Zeit gelassen herauszufinden, welche Stellung sie im französischen Kino einnehmen möchte.

Gerhard Midding