Jonathan Meese, die "Ameise der Kunst"

Vorne steht er und macht, wie er später erklären wird, eine "Muskelbewegung". Die sieht aus wie der Hitlergruß, sei aber so egal, "wie wenn Moby Dick das Maul auf und zu macht".

Vorne steht er und macht, wie er später erklären wird, eine "Muskelbewegung". Die sieht aus wie der Hitlergruß, sei aber so egal, "wie wenn Moby Dick das Maul auf und zu macht". Jonathan Meese kann die Muskelbewegung auch mit zwei Armen. Und dabei noch "die Weltformel" hochhalten: Dreieck, Quadrat, Kreis und das Unendlichkeits-Zeichen. Selbstgemalt. Käme es jetzt zu Tumulten, wie vor knapp vierzig Jahren bei Klaus Kinskis Monologs-Versuch "Jesus Christus Erlöser" in der Berliner Deutschlandhalle, es wäre ein hübsches Stück Nostalgie. "War doch alles schon daaha", ruft Meese immer wieder wie eine Mutter, die schimpft, weil ihr Kind schon wieder seine Bionade verkleckert hat. "Jetzt geht es um etwas, das noch nie da war!"

Totenstill ist's zu Beginn dieser "Berliner Lektion", einer "Lecture-Performance", die der Künstler Jonathan Meese im vollbesetzten Renaissancetheater auf Einladung der Berliner Festspiele erteilt. Anmaßung oder Provokation wirft ihm niemand vor, im Gegenteil. Sobald er spricht, scheint freundlichstes, neugieriges Einverständnis zu herrschen zwischen diesem angeblichen "Kunst-Berserker" und seinem überaus aufmerksamen Publikum, das wissend schmunzelt, wenn er die vielen "mickrigen Iche" beklagt, die sich andauernd selbst verwirklichen wollten und grün wählten, um ihr Nest "auf Teufel komm raus" zu verteidigen, und die immerzu verlangten, dass er, Meese, signiere. "Signiert doch selbst! Das ist nämlich viel geiler!" Beifall. An der Rampe kunstlos hin- und herschreitend, schwarz gewandet und mit leicht spannender Fassbinder-Lederjacke, wendet Meese viel Zeit und Sprachkraft darauf darzulegen, was er alles nicht sei. Ein Guru vor allem sei er nicht. Höchstens die "Ameise der Kunst". Ein Guru, der die Gurulosigkeit predigt, und ein Propagandist, der das Ende der Propaganda fordert, ist natürlich ein Widerspruch. Aber der löst sich bei Meese quasi enzymatisch auf, durch die Rückführung auf das, was "alle gleich" macht: der Stoffwechsel. Gegen den könne man wenigstens nicht sein. So unabänderlich etwa habe man sich die Regentschaft der Kunst als das "Selbstherrschende", sich selbst Betrachtende, vorzustellen.

Das ist nicht einfach nur Aberwitz, das ist nur die zu Ende gedachte Freiheit der Kunst. Joseph Beuys nennt er einen "Hochverräter", da er die Kunst der Politik untergejubelt habe. Drüben im "deutschen Reichstag" sollten sie sich also schon mal warm anziehen. Denn wenn erst der "Vulkan" der Kunstdiktatur ausbreche, dann könnten die Abgeordneten, wie die Leute damals in Pompeij, "zu Hohlformen" werden und Zeugnis ablegen einer seit 1945 anhaltenden, lauen Zeit der Millionen "Kleinst-Diktatoren", für die dann auch noch das Wort "Demokratie" missbraucht worden sei. Nach gut einer Stunde hält Meese inne und sagt: "Neulich beim Griechen sagte meine Mutter: Kind, du hast eine Mission. Nee, hab' ich gesagt, ich hab' keine. Aber wahrscheinlich hab' ich doch eine. Bloß ist die nicht so mies wie die anderen."