Vom Alltag in der DDR

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Andre Mielke

Wenn sich Fernsehfilme heute der DDR nähern, dann oft unter dem Motto: "Nichts wie weg!

Wenn sich Fernsehfilme heute der DDR nähern, dann oft unter dem Motto: "Nichts wie weg!" Da geht es dann um Menschen, die sich und ihre Lieben aus der Diktatur des Proletariats entfernen wollen oder müssen. So war es zuletzt auch in den Produktionen "Prager Botschaft", "Die Frau vom Checkpoint Charlie" und "Die Todesautomatik". Zweifellos lässt sich der Charakter des Arbeiter-und-Bauern-Staates auf diese Art eindrucksvoll beleuchten. Aber es ist eben nur eine von mehreren denkbaren Perspektiven.

Der Schauspieler Heino Ferch hat bereits in "Der Tunnel" und "Die Mauer - Berlin "61" solche Schicksale verkörpert. Nun ist er im ZDF-Fernsehfilm "Das Wunder von Berlin" erneut als DDR-Insasse im Einsatz, diesmal ohne Fluchtgedanken. Der Weg in den Westen ist hier keine Option, schon gar nicht für Ferchs Figur, einen knallharten Führungskader aus den rückwärtigen Diensten der Staatssicherheit.

Der Vater singt das Horst-Wessel-Lied

Einer wie dieser Jürgen Kaiser haut nicht ab, und wenn, dann allenfalls vor den unsicheren Kantonisten aus der eigenen Mischpoke: Kaisers Frau, die Buchhändlerin, kopiert Flugblätter für die Bürgerrechtsbewegung. Sein 18-jähriger Sohn, der Abiturient, gehört zu einer Punker-Clique. Sein Vater, der Stalingrad-Veteran, sieht im Fernsehen einen Fackelzug der Staatsjugend und singt dazu höhnisch das Horst-Wessel-Lied.

Produzent Nico Hofmann und Regisseur Roland Suso Richter haben gemeinsam bereits die opulenten Zweiteiler "Die Flucht" und "Dresden" auf die Bildschirme gebracht. Ihre jüngste Arbeit erzählt nun vom letzten Jahr der DDR vor dem Mauerfall. Der Titel klingt nach einem weiteren großen "Event"-Melodram, nach dem bildgewaltigen Panorama einer Stadt in Aufruhr, nach Massen, die die Mauer stürmen.

Ja, von diesem Stoff ist auch etwas dabei. Aber nur ganz zum Schluss. Ansonsten ist "Das Wunder von Berlin" eine vergleichsweise zurückhaltend inszenierte, um Nuancen bemühte Familiengeschichte, mit dem Anspruch, die Agonie des politischen Systems in privaten Verhältnissen zu reflektieren.

Familie Kaiser ist - wie das ganze Land - in Auflösung begriffen. Heino Ferch überzeugt als diskursunfähiger Despot, der seine Linientreue selbst im kleinsten Kreis so krampfhaft ausstellt, als sei er ihrer selbst nicht sicher. Bei seinem Vater (als launiger Alter: Michael Gwisdek) erntet er dafür galligen Spott. In seinem rebellierenden Sohn Marco (Kostja Ullmann) erzeugt er abwechselnd Wut und Ohnmacht. Kaiser ist ein einsamer Mann, mal davon abgesehen, dass er seinen Unterleib mechanisch an der kalt-opportunistischen Stasi-Kollegin Marion (Gesine Cukrowski) abarbeiten darf.

Kaisers Frau Hanna steht für eine andere, stärkere Strömung der späten DDR-Gesellschaft. Ihre Ideale hingen einmal an diesem Staat. Das ist vorbei, aber nicht vergessen. So wie sie ihre misslungene Ehe nicht konsequent beendet, hofft sie auch noch ein wenig, dass sich der verkorkste Sozialismus sich doch noch reparieren ließe. Aus der eigenen Enttäuschung heraus toleriert sie auch die Auflehnung ihres Sohnes. Veronica Ferres gibt diesmal nicht die zu allem entschlossene Heroine, das waidwunde Muttertier, sondern eine zweifelnde, zögerliche, aber zunehmend couragierte Frau.

Die Konfrontation des seelisch versteinerten Stasi-Manns mit seiner herzenswarmen Gattin hat etwas Schablonenhaftes. Das ist immer die Gefahr, wenn man Wesentliches im Einzelnen, das Große im Kleinen kenntlich machen will. Glücklicherweise befreit sich das Drehbuch von Thomas Kirchner mit stimmigen Dialogen aus dem Dilemma und vermittelt durchaus einiges vom ostdeutschen Lebensgefühl jener Tage. Hinzu kommt, dass Kaiser junior eine unvorhersehbare weltanschauliche Entwicklung nimmt.

Marco wird während eines Punk-Konzerts festgenommen. Sein Vater könnte ihn herauspauken. Doch der will das nur tun, wenn sein Sohn dem Pogo abschwört und sich zu einem längeren Wehrdienst verpflichtet. Marco geht darauf ein.

Kaum hat der Junge die Uniform angezogen, geschieht etwas Seltsames: Er verliebt sich in den Staat, der ihn eben noch verfolgte. Empfand er den real existierenden Sozialismus früher als trist und hohl, kann er sich wenige Monate später kurz vor dem Mauerfall nichts Besseres vorstellen, als dieses totenstarre Gebilde gegen alle Klassenfeinde zu verteidigen. Deshalb geht Marco sogar auf Distanz zu seiner systemverdrossenen Freundin Anja (Karoline Herfurth). Papa freut sich.

Der Punker wird zum DDR-Gefolgsmann

Das ist eine verwegene Wendung. Aber sie entspringt nicht der Fantasie des Auros, sondern gehört zu wahren Lebensgeschichte eines Mannes namens Tilo Koch. Bei ihm dürfte dieser Prozess allerdings geraume Zeit gedauert haben. Im Fernsehspiel, das Genre ist so frei, geht es dagegen ratz-fatz. So entsteht der Eindruck, der unendlich stupide Politunterricht beim DDR-Militär, die "Rotlichtbestrahlung", wäre eine raffinierte und effiziente Form der Gehirnwäsche gewesen. Tatsächlich spielten bei der Disziplinierung der Soldaten die Isolierung vom Rest der Gesellschaft und die Angst vor Sanktionen eine größere Rolle. Immerhin gibt es mit Marcos Vorgesetztem und Motivator Wolf (André Hennicke) zur Abwechslung mal eine interessante Ost-Offiziersfigur zu sehen.

Das ist keiner der bornierten Leuteschinder und stumpfen Indoktrinatoren, resignierten Kampftrinker oder sonstigen Kasperköpfe, die üblicherweise als NVA-Grundausstattung herhalten müssen. "Das Wunder von Berlin" ist insgesamt ein guter, aber kein herausragender Film.