Literatur

Tod eines depressiven Genies

Die Literatur hat einen ihrer Besten verloren, nicht weniger als das. Der amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace hat sich erhängt. Medienberichten zufolge wurde er am Freitagabend in seinem Zuhause im kalifornischen Claremont von seiner Frau Karen Green tot aufgefunden.

David Foster Wallace war 46 Jahre alt.

Erst im vorigen Jahr hatte ihn eine deutsche Zeitung mit diesen Worten zitiert: "Bei uns gibt es ein Sprichwort: 'Gib einem Mann genug Seil, und er erhängt sich.'" Von der "buchstäblich unbeschreiblichen Kriegsführung gegen das eigene Ich" wusste Wallace in "Good Old Neon", einer seiner besten Erzählungen, zu berichten. Der Leser findet den Autor darin über das Foto eines Selbstmörders gebeugt. Mehr als "Kein Sterbenswörtchen" möchte der "David Wallace" dieser Erzählung nicht mehr sagen.

Dabei hatte Wallace die große literarische Bühne als einer betreten, der zu reden nicht aufhören konnte, der erzählen und abschweifen musste, das Erzählte beinahe zwanghaft kommentierte und noch von der Abschweifung abschweifte, im manischen Bemühen, einer überkomplexen Welt gerecht zu werden. Von "involutierten Spiralen" sprach er, "auf denen man nie irgendwo hinkommt".

"Infinite Jest", "Unendlicher Spaß", nannte der junge Wallace seinen großen Roman von 1996, und das meinte ebenso dessen Umfang (über 1000 Seiten und fast 400 "Anmerkungen und Errata") wie die haltlose Gesellschaft, die Wallace beschrieb. Die amerikanische Literatur hat nicht oft ein solches Gewitter erlebt wie diesen Roman, der auch neben den ganz Großen besteht, neben Pynchons "Enden der Parabel" ebenso wie neben Joseph Hellers "Catch 22" oder William Faulkners "Schall und Wahn".

"Infinite Jest", dessen deutsche Übersetzung beinahe abgeschlossen ist, jedoch nicht vor Herbst 2009 erscheinen wird, spielt in einer nahen Zukunft - mal in einer Tennisakademie und mal in einer Entziehungsklinik. Der Roman erzählt von einem Film, der so unterhaltsam ist, dass er seine Zuschauer bis zur völligen Leblosigkeit fesselt.

Wallace hat sich in diesem Roman gleich mehrfach selbst porträtiert - als hochintelligentes, wörterbuchverliebtes Tennis-As Hal Incandenza ebenso wie als dessen alkoholabhängigen Vater, der, oft nur "Himself" genannt, wie ein böser Geist durch den Riesenroman irrt - angeblich hat er, der Gründer besagter Tennisakademie, sich mittels einer Mikrowelle das Leben genommen.

Eine Theorie lautet, Wallace habe mit dem Roman seine eigene Depression und Drogenkrise produktiv gewendet - unübersehbar sind biografische Parallelen. Wallace war der Sohn eines Professors, er war ein Tennis-As und stand tatsächlich schon als Heranwachsender unter Genie-Verdacht. Seine Examensarbeit über Modallogik wurde mit "Summa cum laude" bewertet, aus seinem Zweitstudium erwuchs sein erster Roman "Der Besen im System", und quasi nebenbei schrieb Wallace ein Buch über den deutschen Mathematiker Georg Cantor und "die Entdeckung des Unendlichen".

Seit 2002 war Wallace Professor für kreatives Schreiben am Pomona College in Claremont, nicht weit von Los Angeles. Er brillierte als Erzähler ("Kleines Mädchen mit komischen Haaren", "Kurze Interviews mit fiesen Männern"), er brillierte als Essayist ("Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich"). Wallace war immer und überall auf die Wahrheit aus, die unverbrüchliche und ganze, die so kompliziert ist wie die Welt. Wallace selbst allerdings ließ das Böse nicht los - ihn jagten seine eigenen Dämonen.

"In Wahrheit", schrieb er in "Good Old Neon", "ist das Sterben nicht schlimm; es dauert nur ewig lange. Und ewig nimmt keine Zeit in Anspruch." An die Lebenden allein ist dieser Satz gerichtet, aus derselben Erzählung: "Weinen Sie ruhig, ich verrat's schon nicht."