Die Tyrannei des Wegmüssens

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Tilman Krause

Der Band "Von vor und nach der Reise" mit Prosa von Theodor Fontane, der jetzt im Aufbau-Verlag (358 Seiten, 25 Euro) erschienen ist, so kundig kommentiert von Walter Hettche und Gabriele Radecke, dass wirklich keine Frage offen bleibt, vereint Verschiedenes.

Der Band "Von vor und nach der Reise" mit Prosa von Theodor Fontane, der jetzt im Aufbau-Verlag (358 Seiten, 25 Euro) erschienen ist, so kundig kommentiert von Walter Hettche und Gabriele Radecke, dass wirklich keine Frage offen bleibt, vereint Verschiedenes. Wir finden Betrachtungen - "Plaudereien" heißt das natürlich bei Fontane, dem alten Causeur - über das Reisen; wir finden regelrechte Erzählungen über meist komische, hin und wieder auch tragische Begebenheiten, die sich auf Reisen ergaben; wir finden Flanerien, Feuilletons; und wir finden nicht zuletzt, nämlich insgesamt fünfmal, kleine Porträts von lokalen Originalen, die Fontane vor allem bei seinen Reisen in das oberschlesische Riesengebirge kennenlernte, eine Welt, in der die Zeit dem urbanen Berliner in mancher Hinsicht stehen geblieben zu sein schien.

Ob diese Texte wirklich neue Formen des Erzählens erproben, wie die Herausgeber behaupten, sei einmal dahingestellt. In jedem Fall sind diese 13 Stücke überwiegend amüsante Texte, die mit allen Vorzügen aufwarten, die man von Fontane kennt: mit der Gabe, elegant und flüssig zu erzählen, mit dem Vermögen, Figuren in ihrer direkten Rede plastisch werden zu lassen sowie mit der Fähigkeit, jenen Anspielungshorizont des gebildeten Menschen im 19. Jahrhundert auf eine niemals aufdringliche, immer geistreiche Weise einfließen zu lassen.

Fontane, der mit wachen Sinnen die Strömungen seiner Zeit wahrnahm, hat früh registriert, wie das Reisen gewissermaßen zum neuen Massensport des Bürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde. Er wäre nicht der Skeptiker und Ironiker gewesen, als den wir ihn kennen, wenn er dabei nicht auch die Auswüchse thematisiert hätte, die die neue Leidenschaft schnell mit sich brachte. Die Ideologie vom gesunden Menschen, der sich in freier Natur quasi neu erfindet beispielsweise, ein vor allem in Deutschland gängiges mentales Muster, wo man ja aus allem eine Weltanschauung machen muss. Die Tyrannei des Reisenmüssens, wenn man gesellschaftlich dazugehören wollte, weshalb sich schon früh bestimmte Modeorte herauskristallisieren. Nicht zuletzt aber auch die Ernüchterung, wenn man zu Haus im Alltag wieder angekommen ist.

Fontane selbst ist, wie man weiß, gleichfalls viel gereist. Nachdem er seine "Wanderungen durch die Mark Brandenburg" absolviert hatte, zog es ihn vor allem in den Harz (dem er im Roman "Quitt" ein wunderbares Denkmal setzte), an die Nordsee und eben immer wieder in jenes Riesengebirge, das uns heute so fern gerückt ist.