Je bunter, desto besser

Der Berliner ist ein Gewohnheitstier; das bekam man zum Abschluss der Tanztage zu spüren.

Der Berliner ist ein Gewohnheitstier; das bekam man zum Abschluss der Tanztage zu spüren. Juli Reinartz hatte für ihre Premiere das Trainingsstudio "laMove" dem Hauptveranstaltungsort Sophiensaele vorgezogen. Und obwohl dort auch dieses Jahr so mancher Spontanbesucher ohne Karte wieder abziehen musste, reichte es in dem rohen kleinen Raum inmitten der Club- und Nachtschwärmerlandschaft an der Oberbaumbrücke nicht für ein volles Haus. Schade, denn Reinartz' "solo for 3 dancers" ist sehenswert. Ehud Darash, Maria Francesca Scaroni und sie selbst dürfen oder vielmehr: müssen aus demselben Bewegungsmaterial ein individuelles Solo machen. Diese Tänze sind zwar gymnastisch pragmatisch in der Anlage, aber in der Ausführung entpuppen sie sich als pointiertes und selbstironisches Spiel mit dem eigenen Ausdruckskapital. Der Epilog mit untoten Disco-Vampiren und Textprojektion wäre gar nicht nötig gewesen.

So sehr die Tanztage jedes Jahr mit ihren jungen, unbekannten Choreografen auf Überraschungen setzen, so selten überrascht ein Festivaljahrgang als Ganzes. Immer gibt es Abende, die man im eigenen und im Interesse der Künstler lieber schnell vergisst. Auf der anderen Seite reicht oft eine klare Idee, ein einigermaßen strukturierter und effektiver Umgang mit den choreografischen Mitteln, um in der Erinnerung als gutes Stück durchzugehen. Warum auch nicht. Wo der Nachwuchs sich ausprobieren soll, muss er auch irren dürfen. Mit einem Budget von 50 000 Euro, die es wieder von der Stadt gab, und der Unterstützung dreier Botschaften hat der neue Leiter Peter Pleyer nach einem kleinen Eröffnungsdesaster ein durchwachsenes, aber passables Programm gestaltet.

Anderswo würde man ihm vielleicht kuratorische Beliebigkeit vorwerfen. Doch auch das ist ein ungeschriebenes Gesetz des Breitenfestivals Tanztage: je bunter, desto besser. Möglichst keine ästhetischen Bekenntnisse, sondern für jeden etwas. So reichte das Spektrum von der Charakter- bis zur Opern- und Literaturstudie und integrierte Film, Musik oder Skulptur. Die Fallhöhe in Sachen Professionalität war hoch: zwischen den prägnanten Stücken von Bo Wiget, Irina Müller, dem Häst Duo oder eben Juli Reinartz und etwa der ungelenken Wagner-Empfindungsorgie von Anna Melnikova.

Dass Pleyer den Tanztage-Choreografen schon beim Proben dramaturgisch zur Seite stehen will, trug nicht immer erkennbar Früchte. Seine Vorgängerin Inge Koks hatte nicht ohne Grund ein zusätzliches Format geschaffen, das es drei jungen Choreografinnen ermöglichte, mit einer erfahrenen Mentorin, damals Isabelle Schad, über einen längeren Zeitraum an Ideen zu arbeiten.

Leider hat der Fonds Darstellende Künste mit einem kleinen Budget diese Förderung gleich wieder eingestellt. Die Coaching-Idee kann ein Festivalleiter nicht auch noch leisten. Dafür ein Bewusstsein zu schaffen, dafür hätte Peter Pleyer nun Zeit bis zum Januar 2009.

laMove

, Falckensteinstr. 48,

Kreuzberg. Tel.: 283 52 66.

Letzter Abend: Heute, 19 Uhr.

Juli Reinartz: "solo for 3 dancers".