Die Idylle im Schatten der Agentenbrücke

Nicht nur einen Streifzug durch verschiedene Baustile bietet dieser Spaziergang, auch politische Entwicklungen und Wirrnisse lassen sich hautnah erleben.

Nicht nur einen Streifzug durch verschiedene Baustile bietet dieser Spaziergang, auch politische Entwicklungen und Wirrnisse lassen sich hautnah erleben. Wir beginnen an der Glienicker Brücke und erleben das erste Kuriosum. Es ist keine optische Täuschung: Auf der Berliner Seite wirkt der Farbanstrich deutlich dunkler als auf der Potsdamer Seite. Die Brücke ist tatsächlich zweigeteilt: Wo einst die DDR war, ist das Grün heller, wo West-Berlin begann, dunkler.

Wir gehen die Königstraße entlang, kurz linkerhand hinein in den Park, um dann aber sogleich die Königstraße zu überqueren und über die Mövenstraße auf den Alten Friedhof zu gelangen. Der Gottesacker ist 220 Jahre alt, verfiel im Schatten der Mauer und wurde Opfer von Vandalismus. Engagierte Führungen machen regelmäßig Jutta und Heinz-Dieter Lütten-Gödecke, die vor einigen Jahren dafür einen Förderverein gründeten.

Neben dem "Preußischen Schulrath" Wilhelm Karl Christian von Türk - er hatte 1827 das Jagdschloss Glienicke gekauft, darin die erste "Civilwaisenanstalt" der Region eröffnet und ging als "Pestalozzi von Brandenburg" in die Geschichte ein - fanden auch andere Persönlichkeiten hier ihre letzte Ruhe. So Friedrich Sarre, Direktor der Islamabteilung des einstigen Kaiser-Friedrich-Museums, und der Verleger Gustav Müller-Grote, in dessen Villa im gegenüberliegenden Neubabelsberg US-Präsident Harry S. Truman zur Potsdamer Konferenz residierte.

Die wunderbar restaurierte Kapelle

Der Friedhof lag mitten im Grenzgebiet, die Sicherungsanlagen wurden brutal über die Gräber hinweg gebaut. In der kleinen Kapelle, so weiß Ingo Krüger, Verfasser des im Verlag Aschenbeck & Holstein erschienenen Führers über "Dorf Klein Glienicke und Glienicker Schlösser" (9,80 Euro) zu berichten, fanden bis 1977 noch regelmäßig Gottesdienste statt. Als jedoch Handwerker die günstige Lage an der Grenze zu einer spektakulären Flucht nutzten, wurde sie endgültig geschlossen und verfiel. Der Bauverein Klein Glienicker Kapelle um den Potsdamer Architekten Andreas Kitschke hat das Kleinod wiederhergestellt. Regelmäßig finden dort Konzerte statt.

Mit dem unseligen Kapitel der deutschen Teilung werden wir auf unserem Weg immer wieder auf dem "Berliner Mauerweg" konfrontiert. So wurden nach 1961 einige der skurril anmutenden Schweizerhäuser abgerissen. Hofarchitekt Ferdinand von Arnim errichtete 1863 bis 1867 am Fuß des Böttcherberges zehn derartige Gebäude im "Schweizer Stil", die dem damaligen Zeitgeist entsprachen.

Spektakuläre Flucht im Tunnel

Neben dem Ausflugsrestaurant "Bürgershof" an der Waldmüllerstrasse informiert eine Tafel mit einzigartigen Fotos, dass in den 70er Jahren zwei Familien über einen selbstgegrabenen Tunnel die Flucht gelang. Unser Weg führt entlang der Waldmüllerstraße bis zum 1850 in Form eines lateinischen Kreuzes errichteten Försterhaus. An die einst daneben über die Glienicker Lake führende Brücke, die nach dem Kriegsminister des Osmanischen Reiches Enver Pascha benannt war, erinnern nur noch Reste. Links kommen wir zur Wannseestraße und danach in die Griebnitzseestraße. In einer der nach 1961 abgerissenen Villen lebte der 1934 von den Nationalsozialisten erschossene Reichskanzler Kurt von Schleicher. Heute stehen hier Neubauten in neo-klassizistischem Stil.

Wir gehen den Weg zurück bis zur Lankestraße, dann über die Parkbrücke und in den benachbarten Babelsberger Park. Erste Station ist das Maschinenhaus, in dem sich einst die Dampfmaschine für den Antrieb der Pumpen für die Wasserspiele befand. Am Uferweg genießen wir die einmalige Aussicht hinüber zur Villa Kampffmeyer und zum baulich umstrittenen Glienicker Horn. Auf Höhe des Kleinen Schlosses, wo wir uns im Restaurant aufwärmen und Kuchen genießen, haben wir die Potsdamer Silhouette der Schiffbauergasse mit dem neuen Hans-Otto-Theater im Blick. Den Rückweg nehmen wir über den oberen Parkweg, kommen am Schloss Babelsberg vorbei. Die Gebäude der Universität Potsdam dahinter sollen abgerissen werden. Wir streifen die Karl-Marx-Straße und gelangen über die Parkbrücke wieder in die Waldmüllerstraße, um von da aus am Jagdschloss Glienicke zurück in die Königstraße, unseren Ausgangspunkt, zu gelangen.