Literatur

Glamouröses Geschwisterpaar

Dieses Buch hat es in sich. Es erzählt die Geschichte eines Berliner Geschwisterpaares, das längst vergessen ist und dessen schleunigst wieder gedacht werden sollte, weil sein Leben die Tragik der jüngeren deutschen Vergangenheit in sich trägt. Mehr sogar: Das Schicksal Eleonoras und Francescos von Mendelssohns hat etwas Romanhaftes.

Romane berichten vom Extremen, und das Leben dieses Geschwisterpaares war vom Anfang bis zum Ende außergewöhnlich, betont Thomas Blubacher, der Autor dieser Doppelbiografie, zu Recht.

Wer dennoch den Vergleich sucht, der mag allenfalls bei Klaus und Erika Mann fündig werden. Im gleichen Alter, von ähnlich flackriger Überlebendigkeit und demselben schwankenden, fahrigen Wesen waren die Mendelssohns neben, nein, vor den Kindern Thomas Manns das Geschwisterpaar der Weimarer Republik. Die Manns mussten sich ihren Platz in der Berliner Gesellschaft erst suchen. Die Sprösslinge der berühmten Familie Mendelssohn waren von Anfang an ein Teil von ihr. Doch während es wenigstens Erika Mann irgendwann nach der Machtergreifung durch die Plebejer gelang, das Extravagante und Ekstatische der Weimarer Jahre hinter sich zu lassen, blieben die Mendelssohns in dieser Zeit gefangen, nahmen sie mit in die Emigration und konnten sie dennoch nicht halten. Stufe um Stufe in den Abgrund folgte. Doch der Reihe nach.

Beide waren bestrickend anmutig

Zunächst geht es in das Berlin der Weimarer Jahre, in die so stürmische wie extreme Zeit. Eleonora und Francesco waren Kinder dieser Epoche. Mehr als das: Das Leben war ihnen ein Karneval, auf dem man die Masken wechselt, um sich und anderen einen Spaß zu bereiten. Hinzu kommt ihre Schönheit. Beide waren von einer bestrickenden Anmut: Francesco (Jg. 1901), ein bezaubernder Schwerenöter im Reich der Homosexualität. Seine um ein Jahr ältere Schwester Eleonora hingegen ist ruhiger. Freunde von ihr erinnern sich: Etwas Geheimnisvolles sei um sie gewesen, das sie noch anziehender machte, ein Flor von Schwermut, ein Hauch von tragischer Einsamkeit. Beiden gemeinsam ist das Bedürfnis nach Gastlichkeit und weltmännischem Lebensstil, das die Einkünfte eines Filmstars verlangte oder eben die des Bankhauses Mendelssohn, deren Erben Eleonora und Francesco waren.

Legendär sind ihre Abende draußen in der Herthastraße im Grunewald. Fritz Kortner, Max Reinhardt, Albert Einstein, Walter Rathenau und Harry Graf Kessler treffen sich dort. Bert Brecht ist zu Gast, Vladimir Horowitz, Bruno Walter und Alfred Polgar, dazu Elisabeth Bergner, Marlene Dietrich und Fritzi Massary. Doch nicht nur die Reichen und Schönen tummeln sich am Dianasee in Berlin. Auch Sportler, Nutten und Stricher bevölkern die Runde.

Wer kann sich heute Ähnliches vorstellen? Vertreter aus Kunst, Politik und Wissenschaft feiern offen mit den schrillsten Nachtvögeln Berlins? In den Zeiten der Mendelssohns war es möglich. Niemand nahm Anstoß daran, dass Francesco im weißen Cabrio mit roten Kotflügeln und hermelinbezogen Sitzen durch die Berliner Straßen raste, oft an der Seite seines Lebensgefährten Vladimir Horowitz.

Wer nun den Eindruck hat, die Geschwister hätten nichts als ihr Leben vertändelt, der hat Recht und Unrecht zugleich. In der Tat gaben Bruder und Schwester das Geld mit vollen Händen aus, doch unterstützten sie gleichzeitig zahlreiche mittellose Künstler. Zudem waren beide begabte Künstler; Francesco befähigter als seine Schwester. Schon in jungen Jahren galt er als Nachfolger Pablo Casals am Cellisten-Himmel. Eleonora wiederum versuchte sich als Schauspielerin.

Beständig erfolgreich waren sie nie. Es gibt Menschen, die immer wieder an sich selber scheitern. Francesco und Eleonora gehörten dazu. Während sich der Bruder früh mit dem Fieber flüchtiger Amouren infiziert, darüber Konzerte versäumt und schließlich zugunsten seines Vorbildes Max Reinhardt nicht mehr Cello, sondern stümperhaft den Regisseur spielt, sucht Eleonora Ruhe in der Liebe zu Ersatzvätern und Halt bei einem verführerischen, doch brutalen Begleiter: dem Morphium.

Im Mittelpunkt ihres Lebens aber steht der fast dreißig Jahre ältere Max Reinhardt. Bis zu dessen Tod bleibt sie ihm verfallen und kann ihn trotz einer Affäre nie auf Dauer zu sich hinüberziehen. Reinhardt ist nicht ihr einziger Mann. Zunächst heiratet Eleonora den 24 Jahre älteren Pianisten Edwin Fischer. Ihm folgt Ehemann Nummer zwei, ein Husarenrittmeister. Nach Reinhardt hat Eleonora eine Beziehung zu dem 40 Jahre älteren Dirigent Arturo Toscanini. Ihm folgt als dritter Ehemann der 26 Jahre ältere Schauspieler Rudolf Forster. Glücklich wird Eleonora nie. Nur wer Glück als die Abwesenheit von Unglück versteht, wird sie zufrieden nennen.

Hitlers Machtergreifung zerstört selbst diese Form der inneren Ruhe. Sie wirft Eleonora endgültig aus der Bahn. Obwohl es ihr im New Yorker Exil immer wieder gelingt, Rollen zu ergattern, lebt sie einsam und vom Morphium süß gequält in einer Welt, die ihr fremd bleibt. Um dem Alleinsein zu entfliehen, heiratet Eleonora erneut, diesmal den homosexuellen Martin Kosleck. Nach dem Krieg versucht sie den Besitz der Mendelssohns in Berlin und Wien zurückzuerhalten. Vergeblich. Am 24. Januar 1951 macht Eleonora ihrem Leben ein Ende.

Ein Selbstmord auf Raten

Francesco entscheidet sich für den Selbstmord auf Raten. Nach Misserfolgen als Regisseur traut sich der in die Jahre gekommene Junge nichts mehr zu, versinkt im Alkoholismus und lebt an der Grenze zum Irrsinn. Sein Freund aus Berliner Tagen, der Autor Berthold Viertel, notiert: "Francesco im Wahnsinn; hält sich für Nobody's Nothing. Er fühlt sich getilgt, daher letztes Mittel: auffallen, Aufsehen erregen. Hängt sich Kuhglocken um; erzwingt dadurch endlich seine Verhaftung." Ihr folgen Aufenthalte in der Psychiatrie. Dort entschließen sich die Ärzte zu einer Lobotomie, einer Operation, bei der einige Nervenbahnen durchgetrennt werden, um Depressionen zu unterbinden. Die Folgen dieses Eingriffes sind schwerwiegend. Sie verändern die Persönlichkeit.

Seine Freunde erkennen Francesco nicht wieder. "Alles, was den Zauber dieses unerhört begabten, gefährdeten und gefährdenden Menschen ausgemacht hatte, war herausdestilliert", erinnert sich der Diplomat Dieter Sattler nach einem Besuch bei dem alten Bekannten. Am 22. September 1972 ist Francesco befreit. Er stirbt in New York während einer Krebsoperation.