Der Globus quietscht und eiert

"Wo ist die Kokosnuss, wo ist die Kokusnuss, wer hat die Kokusnuss ge-kla-a-aut?" Nerventest für jeden Busfahrer, wenn hinter ihm die ganze Affenbande brüllt. Hat er Glück, ist das Lied nach der ersten Strophe mangels Textkenntnis beendet. Bekommt er alle neun Strophen des Urwald-Songs dargeboten, verdankt er dies wahrscheinlich einem Büchlein, das in diesem Sommer seinen 50. Geburtstag feiert: der Mundorgel.

Unzufrieden darüber, dass im Zeltlager Lieder immer vorzeitig abbrachen, stellten im Jahre 1951 vier Jugendleiter des Christlichen Vereins Junger Männer (CVJM), Kreisverband Köln, ein handliches und preiswertes Heftchen zusammen. Mit Liedern, die sie ihrem Gedächtnis oder alten Büchern entnahmen, oder sich von Freunden und Bekannten vorsingen ließen. Die ersten Exemplare der "Mundorgel", orthographisch nicht ganz korrekt nach dem damaligen CVJM-Vorsitzenden Horst Mundt benannt, brachte der Drucker im August 1953 mit dem Fahrrad in ein Zeltlager in den Westerwald.

Das "Liederbuch für Fahrt und Lager", so der Untertitel bis 1964, avancierte seitdem zum Bestseller. Mehr als 14 Millionen Mal verkaufte sich das Heft bislang. Dass die "Mundorgel" zum Klassiker bei Klassenfahrten und Jugendfreizeiten wurde, liegt sowohl an ihrer Mischung aus christlichen und populären Liedern als auch dem handlichen Format - ursprünglich sollte das Bändchen in die Tasche jedes Fahrtenhemds passen. Als sehr praktisch erwies sich über die Jahrzehnte auch der rote Plastik-Einband, der das Büchlein auf Reisen resistent gegenüber Wasser und sonstigen Flüssigkeiten machte. Apropos rot: Bei weitem nicht nur christliche Gruppierungen haben inhaltlich ihre Spuren hinterlassen, von den Wandervögeln über Woodstock, die Jesus-People zu den 68er-Revoluzzern finden sich liederliche Zeugnisse verschiedenster Jugendbewegungen.

Ein Sammelsurium, das dem Kölner CVJM zunächst gar nicht behagte, erst in letzter Minute genehmigte er das Projekt. 132 Lieder enthielt die erste von insgesamt sieben Versionen, in der aktuellen Ausgabe aus dem Jahr 2001 mit 278 Songs sind davon noch 54 übrig geblieben. Die Mixtur aus religiösen und weltlichen Songs, in dem sich christliche Verkündigung eher unterschwellig entfaltet, wurde gleichwohl bis heute beibehalten.

So schippert weiter das "Schiff, das sich Gemeinde nennt" durchs Meer der Zeit, gehört auch "Danke", das durch eine Berliner Castorf-Inszenierung zum Volksbühnen-Schlager wurde, noch zum Repertoire, ebenso wie das "Vater unser" - wie alle Lieder seit 1964 mit Noten, Gitarrenakkorden und Illustrationen von Jürgen Flimm; der spätere Regisseur und Intendant studierte damals an der Kölner Uni.

Frei nach dem Motto "Der Globus quietscht und eiert" stehen Gospels und Spirituals, aber auch hebräische Gesänge und jiddische Lieder aus der Shoah für eine kosmopolitische Einstellung der Herausgeber. Die israelische Nationalhymne "Ha Tikwa", die wie so viele fremdsprachige Songs eine deutsche Fassung erhielt, ist, im Gegensatz zum Deutschlandlied, in der jüngsten Ausgabe nicht mehr vertreten. Dafür findet sich jetzt das "Shir Hashalom", das Friedenslied, das Jizchak Rabin kurz vor seiner Ermordung 1995 gesungen hatte.

Franz-Josef Degenhardts "Schmuddelkinder", Hannes Waders Klampfen-Klassiker "Heute hier, morgen dort" oder Brecht/Weills "Mackie Messer" sind Titel, die man nicht ohne weiteres mit kirchlicher Jugendarbeit in Verbindung bringt. So manche Melodie, die von der Hitlerjugend vereinnahmt worden war, fiel den Überarbeitungen zum Opfer, ebenso Texte, die den jeweiligen Maßstäben von political correctness widersprachen, wenn etwa von "Negern" oder "Zigeunern" gesungen wurde. Bei anderen Liedern, wie das vom "armen Dorfschulmeisterlein", das zwischenzeitlich nach Intervention des bayerischen Lehrerverbandes gestrichen worden war, bewiesen die Herausgeber Standhaftigkeit und nahmen es wieder auf.

Besaß um 1970 noch jedes zweite Kind zwischen 10 und 15 Jahren nach Berechnungen des Verlags eine "Mundorgel", so ist es seit Mitte der neunziger Jahre nur noch jedes sechste Kind. Dass keine Chartserfolge jüngerer Zeit ins Liederbuch fanden, scheint nicht der Hauptgrund für den Rückgang zu sein. Selber Singen gilt unter Kids zunehmend als uncool. Wer es trotzdem tut, benötigt auch kein noch so preisgünstiges Liederbuch: Fast alle Texte finden sich heute im Internet. Andererseits: Wer klappt schon am Lagerfeuer seinen Laptop auf? Das wäre dann doch zu unromantisch.

Die Mundorgel 2001, hg. von Dieter u. Irene Corbach u.a., Mundorgel-Verlag Köln/Waldbröl. 250 S., 8,50 Euro