Die Hölle ist ein Seziertisch

Als hätte Berlin bei dieser Hitze nichts Besseres zu tun, spielt es mal wieder mit in einem Theaterstück. Letztes Jahr gab es im Stadtbad Oderberger Straße die Oper "Die Flut", zufällig zeitgleich mit der echten, und jetzt, bei sengender Dürre, pfercht die Berliner Theatergruppe IEG Spieler, Stück und Zuschauer in die stickige Ex-Universitätsbuchhandlung in der Spandauer Straße. Es ist die Hölle. Was Regisseurin Wenke Hardt, zuletzt Regieassistentin unter anderem am Deutschen Theater, mit Jean-Paul Sartres "Geschlossener Gesellschaft" anstellt, ist denn auch so etwas wie Grillen von allen Seiten.

Wie auch immer die drei Frühverstorbenen Ines (Kirsten Hildisch), Estelle (Antonia Cäcilia Holfelder) und Garcin (Achmed Bürger) sich in ihren zugewiesenen Zellen drehen und wenden: Die Leiche, die jeder von ihnen im Keller hat, wird nicht verborgen bleiben, dem Blick des Anderen ist jeder wie auf dem Seziertisch ausgeliefert. Draußen vor der Tür pocht indes beziehungsreich das Nachtleben, rollt die Tram, bleiben Passanten vor der Glasfront stehen und lugen herein, als dächten sie: Ob die schon durch sind?

Das Wissen um halbgar im Kollektivbewusstsein gespeicherte, geflügelte Worte wie "die Hölle, das sind die anderen" wird weder Zuschauer noch Spieler aus seinem Guckkasten retten. Die Darsteller spielen ihre eigene Typenhaftigkeit aus, die dann Schicht für Schicht abgetragen wird. Dieses Experiment ist "Big Brother" ohne die Möglichkeit, auszuscheiden oder zu gewinnen. Als wäre es eine Art ausrangiertes Möbelstück wie die alten Regale hier, lässt Hardt diesem Schlüsseldrama des Existenzialismus den Hauch einer Patina, zugleich aber funkeln Sätze gerade im Beiseitewischen recht gegenwärtig.

Allzu direkt gerät ihr die musikalische Untermalung: "I'll be your mirror" raunt androgyn Nico von Velvet Underground, um das Angebot der lesbischen Ines zu untermalen, als Spiegel für die kokette Estelle zu fungieren. Diese wird wiederum von Hildegard Knefs Rosenregen umgurrt. Aber wie es die Schauspieler-Körper zeigen, die jedesmal spastisch zucken und grunzen, wenn sie sich plötzlich erinnern: Auch Assoziationen gehören zur Qual. Die Hölle - das ist jedes Hirn allein und die beste aller Ausreden.

Weitere Vorstellungen: 13.-17., 19., 20., 23., 24., 31. 8., je 21 Uhr; bgf (frühere Universitäts-Buchhandlung), Spandauer Str. 2, Mitte, Karten 0179-753.88 44