Film

Hollywoods Hoffnungsträger

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Rüdiger Suchsland

"Mich interessieren Charaktere, die zerrissen sind, die mit ihrer Vergangenheit hadern" - ob der Filmregisseur Christopher Nolan, der von sich selbst behauptet, "ein außerordentlicher Pessimist" zu sein, wohl selbst mit seiner Vergangenheit hadert? Grund dazu hätte der 38-jährige Brite, von außen betrachtet, eigentlich kaum. Sein neuester Film "Batman - The Dark Knight" sprengt seit Wochen alle US-amerikanischen Kassenrekorde der letzten Dekade, sogar den Erfolg von "Titanic", so wird gemunkelt, könne man überflügeln.

In dieser Woche startet der Film auch in den deutschen Kinos.

Anspruch und Erfolg

Nolans Karriere ist die magischste im vergangenen Hollywood-Jahrzehnt: Noch immer unter 40 Jahr alt hat er in den USA schon fünf Filme gedreht, sämtlich erfolgreich beim Publikum, von der Kritik zum Teil hymnisch gefeiert und dabei mit unverwechselbar eigener Handschrift. In kürzester Zeit gelang es Nolan, der 1998 mit dem kleinen, nur knapp 4000 Pfund teuren Independent-Film "Following" debütierte, zu einer der wenigen Hoffnungen einer Branche zu werden, die ihre Krise seit Jahren nur mühsam durch immer neue Remakes und Fortsetzungen des Immergleichen übertüncht. In einer Ära, die dominiert wird von Teenagerzielgruppen und Marketingstrategien, die Filme vor allem danach designen, das man aus ihnen Fortsetzungen stricken, ihre Helden zu Plastikspielfiguren und ihre Handlungen in PC-Games verwandeln kann, hält Christopher Nolan am Anspruch eines Autorenfilmers fest, der seine Drehbücher selbst schreibt, am liebsten außerhalb des Studios dreht, und dessen Filme immer auch eine persönliche, künstlerische Aussage sind, ein Stück Selbsterforschung.

Trotz solch' heute altmodischer Ansichten gilt Nolan als Chance auf ein Kino, in dem Anspruch mit ökonomischem Erfolg verschmelzen könnte. Seine Filme sind intellektuell und sie unterhalten - selbst jene Zuschauer, die allein die Möglichkeit des Nachdenkens schon prinzipiell als Zumutung empfinden.

Im Rückblick, glaubt man, kann es kein Zufall sein, dass Christopher Nolan unter einer Rot-Grün-Blindheit leidet. Seit jeher, das wird er in keinem Gespräch müde zu betonen, haben ihn nächtlich-grauen, von düsteren Schattenspielen und auch moralischer Doppelbödigkeit geprägten Klassiker des Film Noir fasziniert. Deren Stil sind alle seine Werke verpflichtet. Der Voyeurismus-Thriller "Following" wurde ganz in Schwarzweiß gedreht. Er gewann einen Preis in Rotterdam und verschaffte dem völlig unbekannten Regisseur dann gleich das Entree für Hollywood.

Es erzählt auch etwas über Hollywood, das dieser Weg überhaupt möglich war - die andere Seite einer kannibalistischen Industrie, in der jeder im Prinzip austauschbar ist, ist die Offenheit für völlig unvernetzte Außenseiter, oder, anders formuliert: Die Gier nach frischem Blut. Jedenfalls zog Christopher Nolan, der statt eine Filmhochschule zu besuchen, lieber Literatur studiert hatte, nach Los Angeles, und nur zwei Jahre später war "Memento" fertig, jener hochkomplexe, frappierende Film, den viele bis heute für Nolans besten halten: Etwas, das man noch nicht gesehen hatte. Ein kaleidoskopischer Thriller der rückwärts erzählt ist, um das Denken eines Mannes in Bilder zu fassen, der sein Kurzzeitgedächtnis verloren hat. Ein Film über das (Ver-)Zweifeln des Kinos an sich selber, eine wunderbare Übung in Skepsis gegenüber dem Sichtbaren - und dessen Wiedergewinnung durch tiefsten Zweifel.

"Memento" war unglaublich mutig, ein bisschen auch ein Bluff - aber das merkt man frühestens beim zweiten Ansehen - und die Basis, auf der Nolans weiterer Werdegang gründet: Von da an sprachen manche vom "neuen Alfred Hitchcock", andere verglichen ihn mit Stanley Kubrick. Der nächste Film war der Al Pacino-Thriller "Insommnia", der sich ebenfalls in der zwielichtigen Welt zwischen Nacht und Tag abspielt, dieses allerdings in die schmerzende Helle der Weißen Nächte des Nordens taucht. Auch "Insommnia" erfüllte Christopher Nolans Wunsch und Anspruch, "etwas zu machen, das noch nie gemacht wurde, ungesehene Bilder zu zeigen, unerzählte Geschichten zu erzählen."

Nur scheinbar ist es paradox, dass er sich von nun an ausgerechnet "Batman" zuwandte. Denn auch in den beiden "Batman"-Filmen blieb Nolan sich selbst treu, definierte die Comic-Figur - bei aller ehrlicher Bewunderung für die Vorgänger-Filme von Tim Burton - völlig neu, und verortete sie wieder weitgehend in der Gegenwart.

Das Böse kommt aus dem Nichts

Nolans "Batman Begins" scheint die Figur psychologisch zu begründen, doch "The Dark Knight" ist jetzt ein gänzlich antipsychologischer Film. Das Böse kommt hier aus dem Nichts, kommt schicksalhaft wie im Film Noir. Dazwischen drehte Nolan noch "Prestige", einen virtuosen Film über den tödlichen Wettkampf zweier Zauberstars um 1900. Auch eine versteckte Reflexion seiner eigenen Rolle: In beiden Fällen geht es ums Showbusiness und um immer neue, immer gewagtere Tricks.

"Das wäre erledigt, was soll jetzt noch kommen?" hat Nolan sich schon nach "Batman Begins" öffentlich gefragt. Mit "The Dark Knight" - auch wenn der Film in all der Begeisterung vielleicht ein bisschen überschätzt wird - hat Nolans Karriere jetzt einen kritischen Punkt erreicht: Er wurde so hoch katapultiert, dass er eigentlich bloß abstürzen kann. Aber man kann sicher sein, dass Nolan noch weitere Tricks parat hat. Und sich freuen auf neue, vielleicht wieder persönlichere Werke dieses im besten Sinne obsessiven Filmemachers.