Eine Galerie wird 30: "Die Taube"

Wenn Klaus Märtens derzeit auf seinem Sofa mit der Streifendecke sitzt, hat er ein seltsames Déjà-vu: Gegenüber an der Wand hängt ein Aquarell, das die drei Räume seiner Galerie, den abgenutzten Holzboden und selbst die hellen Gardinen vor den Regalen minuziös wiedergibt. Dass dieser gemalte Raum, der mit der Wirklichkeit so verblüffend übereinstimmt, vor über 15 Jahren entstanden ist, erzählt vor allem von der Beständigkeit des Galeristen, der nun seit drei Jahrzehnten in der Galerie Taube wirkt.

Klaus Jurgeit, der zu Märtens festem Künstlerstamm gehört, hat das Blatt über Silvester 1986/87 in einer mehrtägigen Sitzung angefertigt und dabei selbst auf dem Sofa Platz genommen. Wahrscheinlich hat hier auch der greise Conrad Felixmüller gesessen, der 1975, im Jahr seines Todes, noch eine "Taube"-Ausstellung mit grafischen Arbeiten eröffnete. Felixmüllers Idee war es auch, einen Teil seiner Kataloge mit einer Originalgrafik zu versehen. Märtens hat das zu einem Prinzip gemacht, und so ist es kaum erstaunlich, dass die Vorzugsausgaben der Kataloge etwa von Albert Renger-Patzsch (1977), Karl Blossfeldt (1984) oder Barbara Klemm (1985) längst vergriffen sind.

Klaus Märtens hat jedoch noch mehr Prinzipien. Jedes Bild, das durch seine Hände geht, soll ihn selbst unmittelbar ansprechen. "So sehr, dass ich das hätte selbst malen wollen," meint der Galerist und spielt auf seine Vergangenheit als Kunststudent Anfang der sechziger Jahre an. Mit der damals allgemein favorisierten Abstraktion fühlte er sich dann aber "irgendwann überquer", weil sie ihm beliebig vorkam. Dabei ist es geblieben.

Wer reine Farbfelder, heftige Gesten und über die Grenzen des Erkennbaren geführte Motive sucht, der wird um die Charlottenburger "Taube" einen Bogen machen oder sie enttäuscht verlassen. Die winzigen Vedouten und Landschaften von Wladimir Krawtschenko oder die schwankenden Berlin-Bauten Rudolf Stüssis sprechen eine konkrete Sprache, auch wenn sie die Wirklichkeit nicht kopieren, sondern im künstlerischen Fokus ihrer eigenen Wahrnehmung verfremden.

Solchen Malern gilt Klaus Märtens ganze Aufmerksamkeit. Einen Künstler wie den aus der Ukraine stammenden, ehemaligen Architekten Krawtschenko hat der Galerist stetig aufgebaut und seinen Sammlern nahe gebracht - nicht für teures Geld, sondern zu erschwinglichen Preisen, die sich fast jeder Interessent leisten kann.

Die jüngsten Miniaturen des Malers hängen nun in der "Taube". Zusammen mit fast 30 weiteren Gemälden von Ye Liu, Fomina, Klaus Jurgeit und anderen hier wichtigen Künstler komplettieren sie die große Jubiläumsschau zum 30. Geburtstag der Galerie. In ihrem Zentrum hängt der doppelte Zimmerblick von Klaus Jurgeit - und erscheint wie ein Versprechen, dass es auch die nächsten Jahrzehnte ganz im Sinne des Galeristen weitergeht.

Galerie Taube, Pariser Str. 54, Charlottenburg, Tel.: 883 56 94. Bis 23. 8., Di - Fr 16 - 19 Uhr, Sa 11 - 14 Uhr.

Christiane Meixner