Das organisierte Paradies

Er würde alles wieder erkennen. Die Wiese mit Blick auf den Wannsee. Das Birkenwäldchen mit den Bäumen, die mitten auf dem schmalen Weg wachsen. Die abgerundete Bank, auf der seine Enkelin Maria mit dem Kindermädchen spielte. Die gestutzten Linden vorm Haus und die Kastanie neben der Terrasse. Max Liebermanns Paradies - es ist wieder da. Seit 1910 hatte der Künstler jeden Sommer in dem Haus an der Colomierstraße verbracht, 24 Jahre lang. Und der Garten wurde zur späten Malheimat, die ihn zu mehr als 200 Gemälden inspirierte.

Beinahe meint man, den Maler zu sehen, wie er dort, zwischen blühenden Büschen, an der Staffelei steht, um mit kräftigen Pinselstrichen seine ganz eigene Sicht des Gartens festzuhalten, von den sorgsam gepflegten Beeten über die zarten Rosenbögen bis zu den Kohlköpfen, die im Ersten Weltkrieg auf der Wiese sprossen. Von der Ansicht, die heute wieder zu ahnen ist, denn seit einem Jahr wird der Park behutsam in seinen früheren Zustand zurückversetzt. Mit Hilfe von Fotos, Plänen - und den Gemälden.

Lange waren die Ölbilder die einzige lebendige Erinnerung an den Wannseegarten gewesen. Die einst liebevoll gehegte Anlage verfiel. Beete wurden umgegraben, die Blumenterrasse wich einem lieblos gepflasterten Rechteck. Zurück blieben Wiese, Büsche, ein paar Bäume. Liebermanns "Klein-Versailles" war verschwunden.

Und damit auch der künstlerische Geist, denn das Haus des 1935 verstorbenen Malers wurde zu Kriegsende zum Lazarett, danach war es Chirurgische Abteilung des Krankenhauses Wannsee. Das Bad wurde Gipsraum, im Wohnzimmer standen Betten, und im Atelier wurde operiert. 1969 zog die Klinik aus, die Villa stand leer. Um dann von 1971 bis 2002 Domizil des Deutschen Unterwasserclubs zu werden. An Liebermann erinnerte nur noch eine Gedenktafel.

Langsam, langsam kehrt der Geist des Künstlers zurück in die Villa, und der Garten verwandelt sich wieder in das Paradies, das Liebermann selbst entworfen hatte - im Kontakt mit Alfred Lichtwark, dem Direktor der Hamburger Kunsthalle: Vorn entstand ein Obst- und Staudengarten, der von einer Reihe gestutzter Linden begrenzt wurde, zur Seeseite eine Gesellschafts- und die Blumenterrasse. Dahinter begann der Rasen, der bis zum Ufer reichte. Durchs Birkenwäldchen auf der rechten Seite führte Lichtwark einen Weg, links schuf er Sondergärten, vom strengen Lindenkarrée bis hin zum Rosengarten.

Das lärmige Berlin war Schuld gewesen, dass Liebermann 1910 vom Pariser Platz in die Stille der Villenkolonie Alsen flüchtete. Seine Wünsche: "Wenn ich hier am Ufer stehe, will ich durchs Haus hindurch auf den Teil des Gartens sehen können, der dahinter liegt", sagte er seinem Architekten Paul Baumgarten. "Vor dem Haus soll eine einfache Wiese angelegt werden, so dass ich von den Zimmern aus ohne Hindernis auf den See sehen kann. Und links und rechts vom Rasen will ich gerade Wege. Das ist die Hauptsache. Noch etwas, das Zimmer, das in der Achse liegt, soll der Essraum sein. So - und nun bauen Sie." Baumgarten baute. 17 Zimmer, Atelier mit Grünblick. Kein Prunk, dafür ausgewogene Einfachheit und gekonntes Weglassen von Stilelementen. Ein Haus, das sich harmonisch in die grüne Umgebung einpasste.

Inzwischen ist die Villa Museum. Ein kleines noch, Baustelle mehr. Im Atelier steht eine Staffelei, an der Wand, wie auf dem Bild "Das Atelier in Wannsee", ein Kasten mit Farbtuben, eine Farbpalette, als sei der Maler nur kurz weggegangen. Stoffbahnen ersetzen einige Wände. An kahlen Mauern hängen Fotos. Aber die Mitglieder der Liebermann-Gesellschaft sind glücklich. Ein Anfang ist gemacht, und die neugierigen Besucher lassen sich von der Baustellen-Atmosphäre nicht schrecken. 20 000 kamen seit September 2002 - obwohl nur am Wochenende geöffnet ist.

Viele geben Geld, engagieren sich ehrenamtlich. Denn öffentliche Mittel fließen nicht - die geschätzten 2,5 Millionen Euro für die Sanierung von Haus und Garten müssen durch Spenden und Sponsoren eingetrieben werden. 700 000 Euro fehlen noch.

Pünktlich zum Geburtstag Liebermanns am 20. Juli wird immerhin der Nutzgarten fertiggestellt. Schon vorab ist ein neues Buch erschienen, das die Geschichte von Haus und Garten beleuchtet: "Zurück am Wannsee - Max Liebermanns Sommerhaus" heißt der schmale Band (Transit Berlin, 128 S., 14,80 Euro), der sich auch mit der Nachkriegszeit, dem Verfall und der Wiederherstellung des Gartens befasst. Die Autoren reichen vom Gartengestalter Reinald Eckert über Nina Nedelykov und Pedro Moreira, die die Villa sanieren, bis zu Anna Teut, die bereits den Band "Max Liebermann - Gartenparadies am Wannsee" verfasst hat. Entstanden ist eine klug formulierte Dokumentation über ein beinahe verlorenes Kleinod. Und über seine Rettung.

Colomierstr. 3, Wannsee. Tel.: 80 58 38 30. Fr 14 - 18, Sa/So 11 - 18 Uhr, Führung: Sa/So 14 Uhr. 3 Euro. www.max-liebermann.de