"Nuz Bü Leckbrei"

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Martin Z. Schröder

Nadia Budde fuhr einst häufig mit der Bahn. Als sie so häufig zum Zurückbleiben von der Tür aufgefordert wurde, erdachte sie zwanzig Wesen und Gegenstände: etwa die "Brünzbick Eule", die missmutig dreinschaut beziehungsweise brünzbickig guckt, oder ein stachliges Biest namens "Nurbi Übelzeck". Die "Biene Kurzblüc" braucht eine Brille. Die Künstlerin erfand das "Büz Nuckelbier" und den "Nuz Bü Leckbrei". Groschen gefallen? Alle diese Bezeichnungen sind aus dem Wort "Zurückbleiben" neu zusammengesetzt.

Das Schwarzweißbild von Nadia Budde hängt in der Ausstellung "Comic Arts" von mehr als dreißig Berliner Künstlern in der amerikanisch-deutschen Galerie "Berliner Kunstprojekt" in Kreuzberg. Galerist ist der New Yorker Künstler Abraham Lubelski. Vier Kuratoren zeigen Werke von Künstlern aus Berlin und New York. Es sind mehr als zwei Ausstellungen in einer, denn die Aussteller haben sich die Räume geteilt: Kuratorin Dagmar Pater hat Künstler eingeladen, die zugleich Illustratoren sind. Dieser Bereich zeigt die größte Vielfalt und ist der lebendigste.

Barbara Wrede zeigt eine Serie kolorierter Linolschnitte mit Stadtmenschen. Hinter jedem von ihnen führt ein Fenster in die Öffentlichkeit, aus der sie sich für seltsame Beschäftigungen zurückgezogen haben: aus den Ohren wachsende Stauden beschneiden, Stielaugen machen, Hundegerippe streicheln.

Manchmal ist nicht klar, ob ein Bild noch zu diesem Bereich gehört oder in den des Kurators Max Förster, der Werke von Comiczeichnern ausstellt. Kathi Käppel malte ein Hühnchen-Comic auf schmale hohe Tafeln, die von weitem wie Ikonen einer fremden Religion aussehen und in einem Wohnzimmer an drei Stellen verteilt dekorativ korrespondieren würden. Der Text und die Geschichte sind weniger interessant, aber die Bilder sind schön. Mancher reine Comiczeichner dagegen, der sich am Pinsel und mit Öl versucht, zeigt seine handwerklichen Schwächen.

Das macht aber nichts. Zu dem originellen Konzept dieser Galerie wie der in New York gehört, dass namhafte Künstler mit weniger bekannten ausstellen. Galerist Abraham Lubelski möchte nicht nur eine Verkaufsgalerie für Gegenwartskunst schaffen, sondern auch eine Plattform für Künstler. Es hat was von Trödelmarkt - aber wer geht denn nicht gerne auf selbigen? Und wo lassen sich nicht neben dem Trödel auch Schätze finden?

Der junge New Yorker Künstler David Adamo zeigt in der Parallelausstellung "Translatability" politisch motivierte Werke auch aus eigenem Schaffen, die seinen Protest gegen die amerikanische Politik illustrieren. Wenn die politische Idee nicht allgemeingültig ist, wirkt das oft nur agitatorisch oder bestenfalls witzig, wie der Panzer mit den Stempelketten von Geoffry Cunningham. Mit den Ketten beschriftet er in Schnörkelschreibschrift Boden und weiße Wand: "This land is my land."

Was Gordana Bezanov zeigt, erschließt sich zu rasch: ein Hörrohr, das zum eigenen Mund führt von Carrie Minikel. Hämmer von t s Beall, deren Stiele aus werkzeugfremdem Material bestehen: ein Tierfuß, ein Bündel Pinsel, der Griff einer Lupe. Aber gerade weil zwischen schwachen auch starke Arbeiten zu finden sind, die auf andere Werke der Künstler neugierig machen, wirkt diese Ausstellung enorm sympathisch.

"Comic Arts" und "Translatability" im Berliner Kunstprojekt. Gneisenaustr. 33. 1. Hof, 2. Etage. Mittwoch bis Sonnabend von 13 bis 18 Uhr. Eintritt frei.