Dirty Dancing

Bebende Becken und Melonen

Die Ausstattung ist dürftig, live gesungen wird wenig und die Hauptdarsteller agieren hölzern. Dennoch startete "Dirty Dancing" sehr erfolgreich als Musical in der Neuen Flora in Hamburg. Die Mädchen, die einst in den Kinos dahinschmolzen, kreischen nun im Theater.

Kunst kommt von Können, heißt es so schön. Im Fall der Europa-Premiere von "Dirty Dancing" in der Hamburger Neuen Flora scheint die Kunst eher von kollektiver Nostalgie zu kommen. Ausgelöst von einem unbedarften Filmchen, das schon 1987 für Hysterie sorgte. Die soll sich jetzt als Déjà-Vu wieder einstellen. Das in der Mehrzahl weibliche Kreischen bei bestimmten Spielmomenten - einem Baumstamm der sich phallisch herabsenkt, auf daß das hohe Paar darauf die freischwebende Tanzhebung absolviere - oder bei gewissen Textzeilen ("Her mit der Melone"), deutet die Richtung an.

Nach dem Tod des Musicals und vor dessen wundersamer Renaissance füllte der Tanzfilm die Lücke. Vor allem mit drei Titeln: "Saturday Night Fever" (1977), "Flash Dance" (1983) und eben "Dirty Dancing". Der eine machte John Travolta berühmt und entfachte die Disco-Welle, der zweite war ein Vehikel für Jennifer Beals und alle Working Girls, der dritte heizte das Mambo-Fieber an und wurde für Patrick Swayze zum Sprungbrett. Allein in Deutschland wollten neun Millionen die unambitionierte Geschichte vom Mauerblümchen Baby sehen, das sich in den testosteronhaltigen Tanzlehrer verguckt. 41 Millionen Mal freilich hat sich der Soundtrack verkauft, eine Mischung aus Oldies und weichgespülten Neukompositionen. Jährlich werden 300 000 DVDs abgesetzt. So viele Menschen können nicht irren.

Die Stage Entertainment besitzt zwar die Rechte an vielen aktuellen Bühnenhits, aber etwa "The Producers" glaubt sie den Deutschen nicht zumuten zu können. Dabei läßt sich das Musicalunternehmen 70 Prozent seines Umsatzes hierzulande von elf Theatern erspielen. Also war es kaufmännisch eine absolut richtige Entscheidung, den von Eleanor Bernstein, der Drehbuchautorin, 2004 in Sydney herausgebrachten Filmbühnenklon hier herauszubringen und London erst das Recht der zweiten Nacht zu geben.

Dort, wo die Westend-Konkurrenz groß ist, wo man nicht nur abgekupferte Filmhits wie "Beauty and the Beast", "Tanz der Vampire" oder Top-of-the-Pops-Shows wie "Mamma Mia!" gewöhnt ist, merkt man vielleicht auch, wie dürftig "Dirty Dancing" ist. Zwei Treppen, ewig kreiselnde Podeste und viele Sonnenuntergangsprojektionen reichen als Ausstattung. Live gesungen wird nur von Nebenfiguren. Hektisch und dialoglastig spult sich die Filmhandlung eins zu eins ab, Tanz- und Musiknummern nur aufhalten und nie organisch eingebunden sind, werden oft nur angetippt. Das hat wenig Atmosphäre, zumal der Holländer Martin van Bentem (Jonny) und die Österreicherin Ina Trabesinger (Baby) reichlich hölzern interagieren. Da beben die Becken, doch es knistert nix, obwohl es mit einem Beischlaf in die Pause geht. Der zweite Teil hängt noch mehr durch, auch der Finalmambo, wo die Schwebefigur endlich klappt, reißt kaum aus dem Sitz.

Patrick Swayze ist inzwischen über 50 und hat 700 Kühe auf seiner Farm. Doch die kreischenden Mädchen von damals sind heute kreischende Frauen, die gern 25 bis 100 Euro für ein "Dirty Dancing"-Liveerlebnis zahlen wollen, wo sie doch die DVD schon für 5 Euro bekommen. Mit 300 000 bereits verkauften Tickets ist es der europaweit erfolgreichste Musicalstart. Eine Gesellschaft mit immer weniger Werten sucht neuerdings in einer neuen Bürgerlichkeit ihr Heil, zu der auch wieder Standardtänze gehören. Was "Dirty Dancing", wo es natürlich nie wirklich dreckig wird, zusätzlich beflügelt. Instant-Mambo als Lebenshilfe. Es ist schon eine komische Welt.