Film

Überlebenskampf im Schnee

Jubel für zwei deutsche Filme beim Filmfestival Locarno: Die Spielfilme "Berlin Calling" von Hannes Stöhr und "Nordwand" von Philipp Stölzl. Die Chancen auf den begehrten Publikumspreis des Schweizer Festivals sind damit für einen der zwei Filme groß. Das hat Locarno wohl nie zuvor erlebt: Mehr als achttausend Leute rockten und tanzten am Wochenende bis weit nach Mitternacht spontan auf der Piazza Grande.

Das war vermutlich eine der magischsten Viertelstunden überhaupt in der Geschichte des malerischen Ortes am Lago Maggiore.

"Nordwand", inszeniert von Philipp Stölzl, wurde am Samstagabend gezeigt. Auf moderne, mitunter fast dokumentarisch-nüchterne, dabei überaus packende Art belebt der Regisseur das lange Jahre nahezu vergessene Genre des Bergfilms wieder. Wobei er dazu sagt: "Das Pathos der Filme von Trenker wollte ich unbedingt vermeiden. Ja, ich will unterhalten, ein großes Publikum erreichen. Aber ich will keine falschen Heldenbilder erzeugen." Das passiert auch nicht. Im Gegenteil. Basierend auf Tatsachen, schildert Stölzl den Versuch der Bezwingung der Eigernordwand im Jahr 1936. Zwei von Florian Lukas und Benno Fürmann gespielte Deutsche wollen den Berg erobern. Das Scheitern ist programmiert. Dabei werden die Beiden ungewollt von der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie zu Helden stilisiert. Was dem Film eine vielschichtige Ebene der Auseinandersetzung mit dem Thema des Missbrauchs persönlicher Ideale durch die politische Macht gibt.

Anspielung auf Bergsteigerdramen

"Ich denke, unser Film passt perfekt auf diese große Leinwand hier in Locarno", hoffte Philipp Stölzl vor der Aufführung. Er hoffte nicht vergebens. Die grandiosen Bilder hatten vor der Kulisse mittelalterlicher Häuser, bewaldeter Berge und des Lago Maggiore eine überwältigende Kraft. Die wohl viele im Publikum auch frösteln ließ. Natürlich drängten sich angesichts des Überlebenskampfes der Filmprotagonisten im Schneesturm in unwirtlichen Felsenklüften die aktuellen Meldungen von gegenwärtigen Bergsteiger-Dramen wie am K2 in die Köpfe der Zuschauer. Wobei der Film dazu indirekt einen kritischen Kommentar liefert. Philipp Stölzl: "Wir gehen mit unserem Film in eine Zeit, als Bergsteigen noch etwas sehr individuelles war. Heutzutage wird damit viel Geld in der Touristenbranche verdient. Und wenn da eine Agentur den besonderen Kick anbietet, versucht sie den natürlich auch um jeden Preis zu bieten. Das ist keine gute Entwicklung."

Florian Lukas läuft strahlend durch Locarno. Denn erst vor gut einer Woche hat er den Eiger ganz privat wirklich bezwungen. Lachend gesteht er: "Bevor ich das Drehbuch bekam, hatte ich noch nie einen Gletscher in Natur gesehen. Und nun das. Es ist großartig." Inzwischen ist er ein begeisterter Bergsteiger: "Ich kann die Faszination gar nicht mit Worten fassen." Benno Fürmann, ebenfalls ganz Strahlemann, ergänzt: "Man bezwingt sich selbst, erreicht ein Ziel, das man sich gestellt hat, wofür man hart arbeiten muss. Das ist sicher ein großer Teil der Faszination." Nachdenklich fügt er hinzu, und seine blauen Augen strahlen jungenhaft: "Bergsteigen hat eine ganz eigene Poesie. Man kommt dem Licht ein Stück näher." Fürmann unterschätzt allerdings die Gefahren nicht, wobei er jedoch schmunzelnd einen Bergführer zitiert, der ihm einmal gesagt hat: "Das gefährlichste daran ist die Fahrt mit dem Auto zum Startpunkt."

Einige Szenen im Film sehen allerdings überaus gefährlich aus. Wie viel an diesen Szenen von den Darstellern tatsächlich ausgeführt, von Stuntmen gedoubelt oder im Nachhinein tricktechnisch bearbeitet wurde, verrät Regisseur Philipp Stölzl nicht. Wozu auch. Die Wirkung zählt. Und die ist grandios. Der Jubel des Publikums hat dem Film - völlig zu Recht - einen Triumph beschert.

Einen Publikumsansturm erlebte auch der Film "Berlin Calling", der außerhalb des Wettbewerbs auf der Piazza Grande gezeigt wurde. Geschafft hat das der 1977 in Leipzig geborene, seit Jahren in Berlin lebende DJ Paul Kalkbrenner, der in der Rolle eines DJ als Schauspieler debütierte. Regie führte Hannes Stöhr, vor sieben Jahren bekannt geworden durch sein Debüt "Berlin is in Germany".

Leben eines Berliner DJ

Er erzählt von den Hochs und Tiefs im Leben eines in der internationalen Clubszene erfolgreichen DJ. Das Publikum in Locarno störte sich nicht an der Konstruiertheit der Story um Drogenmissbrauch, Psychokollaps und Karriereknick. Das ist der Präsenz von Paul Kalkbrenner zu danken. Der Mann ist ein schauspielerisches Naturtalent. Er verkörpert den Anti-Helden lässig und gefühlvoll zugleich.

Gut, dass es die Filme auf der Piazza Grande gibt. Neben dem stilvollen Eröffnungsfilm, der Adaption des Evelyn-Waugh-Romans "Wiedersehen in Brideshead" aus England, markieren "Berlin Calling" und "Nordwand" die bisherigen Festival-Höhepunkte. Wie schon in den Vorjahren hinterlässt das deutsche Kino auch 2008 am Lago Maggiore den besten Eindruck.