Bühne

"Wir alle müssen mehr wagen"

In der Collegekomödie "Die Girls von St. Trinian", die am Donnerstag in unseren Kinos startet, spielt Rupert Everett, der den Film auch produzierte, eine Doppelrolle: den Vater einer Internatsschülerin und - die Schuldirektorin. Die erste Frauenrolle für den offen schwulen Schauspieler. Peter Zander hat mit dem 49-Jährigen gesprochen.

Berliner Morgenpost:

Ihre Schuldirektorin heißt nicht nur Camilla, Sie sieht auch so aus wie Camilla Parker-Bowles. Das ist wohl kein Zufall.

Rupert Everett:

"St. Trinian" war in den fünfziger Jahren eine sehr erfolgreiche Filmserie in Großbritannien. Ich habe die alten Filme geliebt, wenn sie im Fernsehen liefen. Und Alastair Sim, der Schauspieler, der meine Rolle damals spielte, war einer meiner großen Heroen. Irgendwann wollte ich auch mal diese Rolle spielen. Aber das sollte kein Abklatsch sein. Die Herausforderung bestand gerade darin, damit etwas Neues zu schaffen. In den alten Filmen hieß die Figur Millie, so kam ich schließlich auf Camilla. Am Ende habe ich sogar ihr schiefes Gebiss kopiert.

Und der Buckingham Palast ist mal wieder "not amused".

Ich wollte mich damit keinesfalls lustig machen. Mindestens so viel wie von Camilla steckt von meiner eigenen Mutter in der Figur. Sie sind ganz ähnliche Frauen. Taff, bodenständig, irgendwie sehr maskulin. So eine Art letztes Relikt des britischen Weltreichs, wie es sie eigentlich gar nicht mehr gibt.

Wie war denn Ihre eigene Schulzeit? Sie gingen auf ein von Benediktinermönchen geführtes College.

Es war sehr taff dort. Man wird da mit Gruppen von Kids konfrontiert, die erst mal nicht nett zu dir sind, und muss sich schützen lernen. Tatsächlich ist das Leben dort härter als später. Darauf gründete vielleicht das Weltreich England, du wurdest so getriezt, dass du danach absolut kein Gefühl mehr hattest. Nur: Es gibt kein Empire mehr, also ist das eine ziemliche Verschwendung von Energie.

Später flogen Sie aus dem Central School of Speech and Drama.

Ich war da sehr enttäuscht. Ich hatte eine romantische, verklärte Vorstellung von einer Schauspielschule. Es war aber wie in meiner alten Schule, irgendwie sehr grob, das hatte fast was Militärisches.

Jetzt eine unkonforme Schuldirektorin zu spielen, ist das eine Rache an einem verhassten Schulsystem?

(lacht) Nun, vielleicht keine Rache. Aber es hat schon Spaß gemacht, einmal die Fronten zu wechseln.

Lieben Sie Verkleidungen, Kostümierungen, Travestien?

Sie meinen, als Kind?

Nein.

Vielleicht für Sex. (lacht) Nein, sonst nicht. Ich musste mit dieser Rolle auch keinen Fetisch ausleben.

Als Ihre Karriere mit "Another Country" begann, war es noch ein Risiko, einen schwulen Charakter zu spielen. Heute gehört ein solcher in jede Soap Opera.

Ist das so? Nun, vielleicht ist Deutschland da liberaler. In England und auch in Amerika ist das nach wie vor nicht so. Natürlich wurde einiges erreicht. Aber wenn John Travolta in "Hairspray" mal auf Transe macht, bestätigt das in gewisser Weise auch nur alte Klischees. Aber eigentlich finde ich, das ist eine langweilige Diskussion. Es gibt Wichtigeres, als über Homosexuelle im Film zu reden.

Und das wäre?

Im Showbiz gibt es einfach eine große Furcht, was nicht ankommen könnte. Das macht die Produkte immer schlechter und wirkt sich leider auf Kultur im Allgemeinen aus. Heute geht es nur noch um Celebrities und Ruhm. Film war mal ein Spiegel unserer Gesellschaft. Was aber derzeit heraus kommt, hat einfach keinen Inhalt mehr. Das ist viel bedenklicher, darüber sollten wir uns Gedanken machen.

Wieso sperren Sie sich bei dem Thema? Sie selbst wollten mal einen schwulen James Bondfilm schreiben.

Das hätte ich gern getan. Aber der Film, den ich im Kopf hatte, hatte nichts mit dem zu tun, was die anderen wollten. Mein Film sollte ein brutaler Actionfilm sein. Das war nicht zu vermitteln. Schwuler Bond - da sahen alle nur eine Komödie.

Sind Sie auch deshalb Produzent geworden - um mehr Einfluss auf Ihre Stoffauswahl zu haben?

Sagen wir so: So ziemlich alles, was ich derzeit mache, habe ich in irgendeiner Weise mit auf die Beine gestellt. Sonst wäre ich womöglich arbeitslos. Ab einem gewissen Alter muss man sich selber darum kümmern, im Geschäft zu bleiben.

Wäre Ihre Karriere eine andere, wenn Sie heterosexuell wären?

Mit Sicherheit. Das Filmbusiness, die ganze Unterhaltungsindustrie wird nun mal von sehr heterosexuellen Interessen bestimmt.

Die man mit einem Film über ein Mädcheninternat dann mit den eigenen Waffen schlägt?

Ich bin kein Guerillero, aber ja, eine Mädchenschule, das kommt schon sehr gut an. "St. Trinian" ist in England einfach Bestandteil der Kindheit, so etwas wie ein soziokulturelles Bindeglied. Alle lieben "St. Trinian". Wir sind ganz hoffnungsfroh, dass es auch Fortsetzungen gibt.