Film

Die EM 2008 geht in die Verlängerung

Und dann sitzt er einfach da, der Fußball, auf einem Stuhl in "Tiger's Süper EM-Stüdyo", als wäre nichts. Weiß und rund und stumm, und um ihn herum tobt das EM-Fieber in Gestalt eines lustig bemützten Deutschtürken. Das sei eben das Gute am Fußball, erklärt der Mann, dem man einen festen Platz im deutschen Fernsehen wünscht: Der Ball quatsche nicht.

Ihm selbst dagegen könnte man stundenlang zuhören ("Das war Pech gehabt"), nur leider: Detlev Bucks zauberhaftes EM-Tagebuch "23 Tage", montiert aus YouTube-Filmchen von Fußballfans, dauert gerade mal eine knappe Stunde. Heute Abend feiert der Film im Sony-Center Weltpremiere - samt Public Viewing und Großleinwand. Am 31. Juli dann kommt "23 Tage" in die Kinos, zum symbolischen Eintrittspreis von 2,30 Euro. Verlängerung!

Zusammen mit Google Deutschland und YouTube hatte Buck die Fans aufgerufen, Kurzvideos zu drehen. Aus den Schnipseln hat er nun ein teils sehr lustig vor sich hin kullerndes 50-Minuten-Spielzeug gemacht. Der "erste Kinofilm auf Basis selbstgedrehter Fan-Videos", wie die Initiatoren sagen, basiert auf knapp 5000 Stunden Material.

Man kann also nicht gerade behaupten, dass es sich Buck ("Knallhart") besonders leicht gemacht hätte. Gibt sich hier das Kino doch ausnahmsweise mal als Internet-Zweitverwerter, sonst ist es ja, zum Ärger der Filmwirtschaft, eher umgekehrt. "23 Tage" schafft es, allein schon durch die zeitliche Nähe zum eben erst verglühten Fußballereignis noch einmal einzutauchen in die vielen eigenen Erinnerungen, die blöden Kommentare auf der Couch, die man wahrscheinlich abgegeben hat, an die Freude an der Freude und das Spiel mit dem Spiel.

"Tigers" Spielanalysen im schönsten Türkisch-Deutsch haben das Zeug zum Kult. Was allerdings für die ganzen "23 Tage" gilt. Das gilt für Tobi und Alex, die auf ihren Mopeds von Hamburg übers Rheinland 1500 Kilometer weit zum Endspiel fahren. Und vor allem auch für die teils schier unglaublich Lego- und Tischkicker-Imitate der größten EM-Momente. Dank der hauptsächlichen Verwendung des Originalmaterials ist der Film auch tatsächlich auf Leinwandgröße gut zu gucken.

Und sonst - großes Kino? Aber ja. Allein wegen des berühmten Kopfkinos, das bei jedem noch relativ frisch sein dürfte. Anders als Sönke Wortmanns WM-Dokumentarfilm "Deutschland. Ein Sommermärchen", der in die Kinos kam, als Deutschland schon längst wieder fröstelte, hat Buck den Vorteil der zeitlichen Nähe. Wortmann nahm damals außerdem den privilegierten und paradoxerweise auch distanzierenden Blick dessen ein, der es schafft, "wie ein Tierfilmer" (Wortmann) ganz nah dran zu sein, so nah, wie kein Fan es je schaffen würde. Dem steht die schiere Masse der für ein Fußballereignis unentbehrlichen Randgestalten namens "Fans" entgegen. Wobei Buck ironischerweise noch nicht einmal das ins Bild nimmt, worum sich ja alles dreht: die Spiele selbst. Das hat zwar mit den Bildrechten zu tun, passt aber hervorragend zu dieser Fan-Omenologie zwischen Roadmovie, Marktplatz und babylonischem (Dialekt-) Gewirr.

Und wo Wortmann, der ebenfalls einen Film aus Internet-Filmchen montiert hat (er wurde aber nur im Internet veröffentlicht), die Mythifizierung vorantrieb, meidet Buck den großen Gestus des eingreifenden, deutenden Regisseurs - offenbar selbst erstaunt über die überbordende Kreativität der Fans. Public Viewing guckt Public Viewing: Der "Film von Fans für Fans" kommt bei sich selbst an. So ist "23 Tage" vor allem eins: ein zutiefst demokratisches Kunstwerk.

Public Viewing Zeitgleich zur Weltpremiere im CineStar wird der Film im Sony-Center ab 20 Uhr auf Großleinwand gezeigt. Donnerstag startet er im Kino