Serie: Liebesgeschichten aus Berlin, Folge 11

Ein Bilderbuch für Verliebte

Das Reiseabenteuer gibt einem Liebespaar alle Möglichkeiten, sich voller Intensität auf die Zweisamkeit einzulassen. Rheinsberg ist weit genug von Berlin entfernt, um mit seiner idyllischen Landschaft und Stille den nötigen Charme auf die jungen Liebenden Wolfgang und Claire auszuüben. Dabei spielt es für die Beiden höchstwahrscheinlich keine große Rolle, wo sie sind. Hauptsache nicht in Berlin, nicht bei den Eltern und nicht in ihrem bekannten Umfeld.

Kurt Tucholsky beschreibt in seiner Geschichte "Rheinsberg" ein junges Liebespaar, das eine Kurzreise ins Glück verbringt. Für drei herrliche Tage können sie in ihrer Liebe frei sein.

Der Sommer steht in voller Pracht und mit der Reise in das brandenburgische Rheinsberg lässt das junge Paar alle Konventionen der Großstadt Berlin hinter sich. Ihre Unbekanntheit ist befreiend, denn zuhause wäre es ihnen in keiner Weise gestattet, die Nächte zusammen zu verbringen. Doch hier in der Natur, auf dem Lande, gibt es nur sie beide. Die Eltern wissen nichts von dieser Reise und dürfen auch nichts davon erfahren. Vor allem Claires Eltern hätten solch eine Reise mit Sicherheit nicht gebilligt. Da hilft nur eine kleine Notlüge.

Kurt Tucholsky, 1890 in Berlin geboren, war promovierter Jurist. Früh machte er sich einen Namen als satirischer Zeitkritiker und veröffentliche unter Pseudonymen Essays zu politischen Themen. 1912 erschien seine erste Liebesgeschichte unter dem Titel "Rheinsberg - ein Bilderbuch für Verliebte" mit einem erstaunlich fortschrittlichen Frauenbild, dass der beziehungsunfähige Tucholsky im wahren Leben kaum unterstützte. Es blieb nicht bei dieser einen harmonischen Erzählung. Andere bekannte Geschichten wie "Schloss Gripsholm" folgten. Einige davon sind in dieser Ausgabe "Von Rheinsberg bis Gripsholm" zusammengestellt.

Die Liebe, die Tucholsky in dieser Geschichte beschreibt, erscheint in der Welt von heute beinahe befremdlich. Doch die Heimlichtuerei und das Vorgaukeln, jemand anderes zu sein, bringt auch ein Bauchkribbeln mit sich. Plötzlich können die beiden ihrer Fantasie freien Lauf lassen. Sie können vorgeben, das Paar zu sein, das sie gerne wären. Damit entsteht auch ein Necken und Spielen zwischen ihnen.

Schließlich ist auch für sie die Situation neu. Es wird provoziert und gelockt, um im gleichen Zug eine liebevolle Entschuldigung hinterherzuschicken. Dabei ist Claire, die junge Medizinstudentin, deutlich spitzer und rebellischer als ihr Angebeteter. Vielleicht ein Zeichen ihrer Bildung oder aber einfach ihres Geschlechtes, jedoch spricht sie einen so eigenwilligen Dialekt, dass sie vielfach gar nicht verstanden wird. Nur ihr Liebster, der versteht sie immer. Tucholskys Beschreibungen der Liebe haben trotz des Versteckspiels eine Art Unberührtheit und Naivität, die erfrischend ist. Vor allem die Natur wird als Teil der Herrlichkeit der Liebe verstanden. Die Schönheit der Natur ist ein Spiegel der Liebe.

Für Kurt Tucholsky, der mit "Rheinsberg" sein Prosadebüt feierte, blieb es nicht bei dieser Liebesgeschichte. Auch "Schloss Gripsholm" und weitere Geschichten beleuchten immer wieder die unterschiedlichen Facetten des Verliebt-Seins bis hin zur großen Liebe.

Morgen lesen Sie Folge 12: Briefwechsel zwischen Voltaire und Friedrich II.