Film

Sensationeller "Metropolis"-Fund

Er ist der größte Klassiker des deutschen Kinos. Und der erste Film, der zum Weltkulturerbe ernannt wurde. Und doch ist "Metropolis" nur Fragment. Noch in der mustergültigen Rekonstruktion von 2001 ist vorab zu lesen: "Über ein Viertel des Films muss als verschollen gelten." Nun nicht mehr: Es sind neue Szenen, ja ganze Sequenzen aufgetaucht. "Ein sensationeller Fund", so Rainer Rother, Direktor des Filmmuseums Berlin. Zuletzt fehlte gut eine halbe Stunde Filmmaterial. 85 Prozent davon, schätzt Rother, seien jetzt aufgetaucht: im Museo del Cine in Buenos Aires.

Wie gut, dass manche Ehegatten auch nach der Scheidung noch miteinander reden! Paula Félix-Didier hat im Januar dieses Jahres die Leitung des Museo del Cine übernommen. Und ihr Exmann, Leiter der Filmabteilung des Museums für Lateinamerikanische Kunst, hatte gehört, wie ein Leiter eines Filmclubs sich wunderte, warum die Vorführung von "Metropolis" so lange dauere. Gemeinsam sichtete das Ex-Paar den Film im Archiv.

Dienstag vergangener Woche reiste Paula Félix-Didier dann in geheimer Mission nach Berlin, um sich mit drei Gutachtern zu treffen: Martin Koerber, der mit Enno Patalas die bislang gültige Fassung von "Metropolis" restauriert hatte, Anke Wilkening, Filmrestauratorin der Friedrich-Murnau-Stiftung, die die Rechte zu "Metropolis" besitzt, und Rother. Alle drei bestätigen die Authentizität des Materials. "Fritz Langs berühmtester Film kann neu gesehen werden", so Rother. Murnau-Vorstand Helmut Possmann assistiert: "Das bisher verschollen geglaubte Material führt zu einem neuen Verständnis des Meisterwerks." Und Koerber gibt sich zuversichtlich: "Egal, wie schlecht der Zustand des Materials sein mag, wird jetzt auch für den normalen Zuschauer die ursprüngliche Intention des Films wieder erfahrbar."

Bei seiner Berliner Uraufführung am 10. Januar 1927 hatte der Film eine Länge von gut 210 Minuten. Doch "Metropolis" fiel damals durch und hat die Ufa fast ruiniert. Um die Kosten (sechs Millionen Reichsmark! der damals teuerste deutsche Film) zu amortisieren, feierte am 25. August 1927 eine stark gekürzte Fassung ihre Premiere in Stuttgart und München. Von den 4189 Filmmetern des Originals waren nurmehr 3241 übrig. Vorbild war eine Fassung, die Paramount für die US-Fassung herstellen ließ: Dabei wurde nicht nur kräftig gekürzt, ja verstümmelt, ganze Passagen wurden neu interpretiert. Durch Auslassung und neue Zwischentitel entstand so ein ganz anderer, trivialerer Film. Nebenhandlungen fielen heraus, Nebenfiguren verloren ihren Sinn. Seit den siebziger Jahren hat Michael Koerber an der Rekonstruktion des Filmes gearbeitet, die Originalhandlung wiederhergestellt und fehlende Passagen durch zusammenfassende Zwischentitel und Standbilder ergänzt. Mehr schien nicht möglich.

Bis es nun zu dem spektakulären Fund kam. Wie der Film überlebt hat, rekonstruiert das Zeit-Magazin in seiner heutigen Ausgabe: Demzufolge hat Adolfo Z. Wilson, argentinischer Chef der Verleihfirma Terra, eine Kopie der Langfassung 1928 nach Buenos Aires gebracht, um sie dort in den Kinos zu zeigen. Der Filmkritiker Manuel Peña Rodríguez nahm die Rollen später in seine private Sammlung auf und verkaufte sie in den sechziger Jahren an den Nationalen Kunstfond Argentiniens. Der übergab sie 1992 dem Musoe del Cine. Alle ahnten nicht, welchen Schatz sie da weitergaben. Bis ein Exmann die Ohren spitzte...

Alle drei Gutachter weilen zurzeit in Bologna, auf dem Festival Il Cinema Ritrovate, das sich sinnigerweise dem restaurierten Film widmet. Dort wurden sie gestern mit Anfragen bestürmt. Die gängige Fassung, 2002 auf der Berlinale "uraufgeführt", verliere nicht an Wert, so Rother, sie werde nur vervollständigt. Wie lange das brauche, sei noch nicht absehbar und hänge von den finanziellen Mitteln ab, müsse aber oberste Priorität genießen. Die neu entdeckten Szenen weisen viele Kratzer und Fehler auf und werden auch nach der Bearbeitung wohl nie der Qualität der restaurierten "Metropolis"-Fassung entsprechen. Dennoch: Fritz Langs Meisterwerk wird dann fast vollständig zu sehen sein. Nach immerhin 80 Jahren.

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