Digitale Altlasten

Profil aus dem Internet

Die jüngsten Beispiele bei Lidl, Bahn & Telekom zeigen, wie neugierig Chefs sein können, wenn es um Mitarbeiter und deren persönliches Verhalten geht. Schon bei den Bewerbern stöbern Personaler gerne mal durch die virtuelle Welt des Internet auf den Spuren realer Biografien.

Denn die persönlichen Angaben zwischen Lebenslauf und Zeugnis reichen in vielen Fällen aus, um online schnell zu einem Komplett-Profiling anzusetzen.

Während der Stellensucher noch glaubt, sich mit der Bewerbungsmappe ins beste Licht zu rücken, leuchtet das Internet die verschwiegenen privaten Winkel aus.

Gerald, 32, und Politologe wundert sich, als er während des Interviews bei einem Industrieverband erklären soll, warum er sich für die SPD engagiere: "Ich habe mein Praktikum während des Studiums im Bundestag gemacht, und die SPD suchte fitte Jogger für den Bundestagslauf. Ich hatte keine Ahnung, dass ich damit auf der Fraktionsseite auftauche." Die Erfahrung, dass ein Teil seiner Web-Existenz durch Dritte bestimmt wird, macht Gerald zum "Ego-Googler". Dabei tippt er seinen Vor- und Nachnamen in Anführungsstriche gesetzt, und mit knappen Angaben wie Wohnort und Jahrgang ergänzt, in die Suchmaschinen ein. Verblüfft liest Gerald, mit welchen längst verblassten Sponti-Sprüchen alte Schulfreunde ihn auf deren Homepages verewigt haben. Über einen Amazon-Link kann jeder nachlesen, welche Bücher der Politologe vorbestellt.

Interesse an Zusatzinfos

Wolfgang Lichius, Vorsitzender des Fachverbandes Personalberatung beim Bundesverband Deutscher Unternehmensberater (BDU), betont, dass seriöse Personalexperten sich vor allem für Zusatzinfos interessieren: "Welche ehrenamtlichen Ämter übt ein Kandidat aus?". Nach einer BDU-Umfrage nutzte schon 2006 jeder Dritte Personaler das Netz zur Recherche. Tendenz steigend. Jeder vierte Disponent gab an, Bewerber nach Netzvisiten ausgeschlossen zu haben.

Doch wie tilgt man unliebsame Einträge, die Dritte über einen verbreiten - ganz abgesehen von der Hetz-Homepage einer entglittenen Büroaffäre.

Die Arbeitsrechtlerin Valentine Reckow etwa ergoogelte sich selbst als Teilnehmerin eines Forums zur Bewertung von Arbeitgebern: "An solchen Blogs beteilige ich mich aus Gründen des Mandantenschutzes grundsätzlich nicht", wehrt sich die Anwältin und schreibt den Betreiber der Seite mit der Bitte um Löschung des Eintrags an. Das gleiche Vorgehen rät die Anwältin allen, die irgendwo von irgendwem ins Netz gestellt werden: "Fordern Sie den Verantwortlichen aus dem Impressum der Seite zunächst freundlich auf, den Eintrag zu löschen. Im Zweifel hilft dann eine förmliche Abmahnung. Fordern sie eine Unterlassungserklärung und die Benennung der Urheber des Eintrags. Setzen Sie dazu eine Frist." Dieses Vorgehen lösche die meisten digitalen Altlasten. "Bei eindeutigen Schmähkritiken im Netz", so Reckow, "helfen Strafanträge, bei denen dann auch anonyme Täter ermittelt werden."

Doch am besten sei die Prävention. Wer sich per Mail oder namentlich auf einer Seite anmelde, sollte die allgemeinen Bedingungen zur Veröffentlichung der Einträge kennen. Grundsätzlich gelte, dass man mit Blick auf die Karriere nicht mehr von sich preisgeben solle, als man auch in einer Bewerbung schreiben würde.

Bei aller Vorsicht, ob die gefundenen Einträge aktuell, wahr und tatsächlich einem Jobsucher zuzuordnen sind, begründen Personalberater ihre Googleitis mit dem Verhalten der Bewerber. Unter dem hohen Konkurrenzdruck würden immer mehr Lebensläufe geschönt. Die Netzrecherche werde betrieben, um die Angaben zu überprüfen.

Loyal oder unglaubwürdig?

Lax kontrollierte Schülersuchseiten wie stay-friends.de zeigen, ob der Schulweg so geradlinig verlief, wie das Abschlusszeugnis es nahe legt. Hat der Ingenieur tatsächlichtüchtig publiziert - oder kennt die Wissens-Community den Aspiranten gar nicht? Wer sich selbst als loyalen Team-Player anpreist und im Netz über Boss und Betrieb herzieht, macht sich unglaubwürdig. Launige Pseudonyme helfen wenig, wenn ein sichtbarer Mailabsender den Weg zur Plaudertasche ebnet - vor allem, wenn die Online-Bewerbung die Mailadresse zur Google-Suche gleich frei Haus liefert. Die Selbstbotschaften in der Webciety prägen denn auch den digitalen Ruf stärker als die Einträge Dritter. Auf privaten "Happy-Home"-Pages, Sozial-Network-Seiten wie xing.com, über Bildgalerien und Arbeitgeber-Läster-Foren a la kununu.de findet eine digitale Nabelschau statt, die oft nicht anonym bleibt. Weil das Gegenüber mit seiner unvermittelten Reaktion fehlt, sinkt die Schamgrenze. Die Konsequenzen werden nicht überblickt. Was heute als Handy-Andenken an die wilde Firmenfeier gilt, kann morgen der Unterwäsche-Kracher bei you-tube.de sein. Peter Schaar, Bundesbeauftragter für den Datenschutz, meint: "Sie werden sich dafür verfluchen, was sie alles von sich preisgegeben haben." Denn die Datenschlacht wird zunehmend professioneller. Personaler bedienen sich neuer Cyber-Detektive wie 123-People.de, stalkerati.de oder yasni.de, die quasi Persönlichkeits-Profile auf den Screen zerren. Übersichten über Blog-Einträge liefert technorati.com nach. Mittlerweile werben sogar Detekteien damit, über Spezial- Software auch feine Datenspuren sichtbar zu machen.