Überbrückung

Transfer statt Arbeitslosigkeit

"Am 3. September ging die Jalousie runter", erinnert sich Norbert Renner an die Betriebsversammlung bei der Wiking Modellbau GmbH, "da wurde die Schließung unseres Berliner Standorts verkündet."

Mehr als zehn Jahre lang baute der stämmige Werkzeugmacher Spielzeugautos. Wenn Renner von seiner drohenden Arbeitslosigkeit erzählt, bewegen sich seine Hände, als drehe er immer noch einen Trecker im Maßstab 1:32 in den Fingern: "Wo sollte das hinführen? Ich bin 53." Ähnliche Sorgen plagen Karol Woit. Der angelernte Bandarbeiter verschraubt Zulieferteile für Nobelautos, deren Stern sinkt. Auch sein Job fällt weg - und damit ein stattlicher Lohn.

Der Gang in die Arbeitsagentur und radikale Lohnschnitte bleiben den Autobauern indes erspart. Das Zauberwort heißt Transfergesellschaft. Im Fall Wiking schließen der trudelnde Betrieb, Renner und 31 seiner Kollegen sowie die Transfergesellschaft PEAG einen Vertrag, mit dem die Wikinger für acht Monate Angestellte der PEAG-Transfer werden. Ziel des Deals ist die Suche nach neuer Arbeit. Den Lohn zahlt die Agentur für Arbeit in Form von Transfer-Kurzarbeitergeld. Der Betrieb stockt die 60 oder 67 Prozent der letzten Nettobezüge auf 80 Prozent auf und übernimmt die Sozialbeiträge. Die EU und neuerdings auch das Arbeitsamt legen Geld für Weiterbildungen obendrauf.

Betriebsrat entscheidet mit

Nutzten bislang vor allem Konzerne wie Opel, Nokia, BenQ oder Siemens den Sozialplan, um sich Massenkündigungen, Abfindungen, Sozialauswahlen und Kündigungsklagen zu ersparen, setzen in der Krise auch mittlere und kleine Unternehmen auf den Transfer. Was das kosten wird, weiß noch niemand. Frank J. Weise, Deutschlands Chefarbeitsvermittler plant 2009 bereits mit 1,6 Milliarden fürs Kurzarbeitergeld. Nürnberg rechnet mit 290 000 Kurzarbeitern, die im Wahljahr 2009 die Arbeitslosenzahlen senken helfen.

Wohin die aussortierten Mitarbeiter tatsächlich transferiert werden, hängt auch vom Betriebsrat ab. Denn der handelt mit der Firma den Übergang aus. Hakan Altinten erwischte der erste Transfer bei der Herlitz-Pleite. Der trug ihn zu Wiking, wo er 2008 als Betriebsrat zäh um die Konditionen ringt: "Da lernt man seine Chefs noch mal neu kennen." Neben der Transfergesellschaft erkämpft er Abfindungen. Mitarbeiter sind gut beraten, ihren Betriebsrat zu stärken, wenn es um Dauer und Höhe der Leistungen geht: "Wenn Sie erst mal unterschrieben haben, sind Sie für den Konzern vergessen", fasst Ex-Betriebsrat Ernst Sommer seine Erfahrung zusammen. In Berlin gliederte Siemens überzählige Mitarbeiter in die 100-prozentige Transfer-Tochter KompTime aus. In der steckt seit Juni 2008 Theo Funke. Bislang hat bei der Vermittlung des Servicetechnikers allerdings nichts gefunkt.

Ob eine Transfergesellschaft als Arbeitslosigkeit de luxe ein gutes Job-Sprungbrett oder aber eine Wartehalle zum Arbeitslosigkeit wird, liegt neben den ausgehandelten Konditionen auch an den Mitarbeitern. Gewinnen kann, wer die Angebote der Transferfirma konsequent einfordert - und sich selbst zur Jobsuche antreibt.

Markus Kneidl, Berliner Projektleiter der bundesweit operierenden PEAG, weiß, wie unterschiedlich die Erfolgsquoten sein können und schätzt die Vermittlungsrate im Wiking-Projekt auf 51 Prozent. Um die zu erreichen, nutzt Kneidl die gängigen Instrumente der Sozialplaner: Die individuelle Stärken/Schwächen-Analyse, Coachings im Zweiwochenturnus, Bewerbungstrainings, Gruppen- und Motivationstermine. Hier sehen alle, welche Kollegen bereits neue Stellen gefunden haben. Betriebspraktika und Weiterbildungen runden das Angebot ab.

Termine zum Probearbeiten

Werkzeugmacher Renner hat schon drei Betriebe zur Probearbeit an der Hand. Sollte er einen neuen Job schnell wieder verlieren, kehrt er unter das Dach der PEAG zurück. Die Arbeitssuche im Transfer empfinden viele als deutlich entspannter und effektiver als unter der Fuchtel der Arbeitsagentur oder der Doppelbelastung von Arbeitstag und Jobsuche während der normalen Kündigungsfrist. "Ich bin nicht arbeitslos, ich bin Mitarbeiterin", umschreibt eine Sachbearbeiterin ihr Transfergefühl.

Beim Gruppentermin im PEAG-Büro fehlen die angelernten Arbeiterinnen. Ihre Jobchancen sind schlechter als die der Facharbeiter. In Schweigen hüllt sich auch Herbert Well. Der 51-jährige Einrichter war 20 Jahre lang im Betrieb und hat ihn langsam sterben sehen. Acht Monate Transfer wiegen seine lange Kündigungsfrist und den Jobverlust nicht auf. Dennoch hat er den Transfer-Vertrag "freiwillig" unterschrieben. Das Warten in leeren Betriebshallen wäre noch schlimmer für ihn.

Alter, fehlende Qualifikation, lange Betriebszugehörigkeit, geringe Flexibilität, hohe Gehälter. Auch Transfergesellschaften sind keine Wunderwaffe gegen Handicaps am Arbeitsmarkt. So sind die Outplacer durchaus umstritten. Hilmar Schneider, Direktor für Arbeitsmarktpolitik am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit in Bonn hat die Leistung der Jobzauberer in Nordrhein-Westfalen näher untersucht. Sein Fazit: "Für den, der arbeitslos wird, macht es im Durchschnitt keinen Unterschied, ob er sich in die Obhut der Agentur für Arbeit begibt oder in die einer Transfergesellschaft. Unter dem Strich sind die Vermittlungschancen gleich gut oder gleich schlecht." Entscheidend sei, welche Performance die Transfergesellschaft habe. Im Klartext. Was Unternehmen und Betriebsrat ausgehandelt haben, muss im Transfer auch umgesetzt werden. Ob die Mitarbeiter lediglich teuer geparkt werden, um dann doch stempeln zu gehen, oder ob sie aktiv gefördert werden, deuten die Konzepte an.

Innovative Modelle sehen "Turboprämien" vor, wenn Mitarbeiter schnell wieder eine andere Arbeit annehmen. Ein zweites Kriterium ist die Weiterbildung. Projektleiter Kneidl bestätigt, dass die Entscheidung über Art und Umfang der Qualifikation nicht vom Arbeitnehmer, sondern von der Transfergesellschaft oder der Arbeitsagentur gefällt wird. Ganz los wird man die Agenturen im Transfergeschäft allerdings nicht. Sobald das Kurzarbeitergeld fließt, müssen die Ex-Mitarbeiter als "Neukunden" auch bei den staatlichen Vermittlern antreten.