Neukölln knallhart

Eigentlich hatten wir uns Gregor Tessnow, den Autor des Jugendromans "Knallhart", ganz anders vorgestellt. Groß und langhaarig, eher das Gegenteil von seiner Hauptfigur Michael im Roman, begrüßte er uns im Konferenzraum der Berliner Morgenpost mit breitem Lächeln und kräftigem Händedruck. Wir hatten uns vorgenommen, ihn über den Stoff seines Romans auszuquetschen, doch er zeigte sich auch als guter Zuhörer, der sich für unsere Beiträge interessierte.

Der Roman

Schüler diskutieren mit dem Jugendbuch-Autor Gregor Tessnow über Gewalt und Drogen

Knallhart, so ist das Leben für Gregor Tessnows Romanhelden Michael, als er und seine Mutter von deren Freund rausgeschmissen werden. Für die beiden heißt das, vom Nobelviertel Zehlendorf in eine Bruchbude in Neukölln zu ziehen. Am ersten Schultag an der neuen Schule bekommt er gleich Stress mit einer Gang, die ihn von da an ständig zusammenschlagen und einmal sogar umbringen will. Unerwartet kommt ihm ein Mann namens Hamal zur Hilfe. Doch als Gegenleistung muss er den Drogenkurier spielen. Das geht gut, bis Michael seinen größten Auftrag verbockt . . .

Mit seinem Buch macht Gregor Tessnow klar, wovor so viele Leute die Augen verschließen: Die Realität ist für Jugendliche nicht so leicht, wie es scheint. Der Autor kennt die raue Wirklichkeit aus eigener Erfahrung, denn bevor er mit dem Schreiben Geld verdienen konnte, absolvierte er eine Maurerlehre, machte dann sein Fachabi und arbeitete acht Jahre lang als Taxifahrer.

Das Gespräch

Schüler diskutieren mit dem Jugendbuch-Autor Gregor Tessnow über Gewalt und Drogen

Beim Gespräch mit uns Schülern gab der Berliner, Jahrgang 1969, eher beiläufig Einzelheiten aus seiner Biografie preis und sprach über seine Beweggründe, den Roman zu schreiben. Durch seine aufgeschlossene Art machte er es uns leicht, offener auch über unsere persönlichen Erfahrungen mit den Themen zu reden, um die es in seinem Roman geht, nämlich Jugendkriminalität und Drogen.

Von uns als Neuköllner Jugendlichen wollte Gregor Tessnow erfahren, ob wir seine Geschichte für realistisch halten oder doch für übertrieben. Er erzählte, dass er seine Handlung in Neukölln habe spielen lassen, weil ihm dieser Bezirk als besonders schwierig bekannt sei. Ein konkretes Vorbild für seine Figuren habe er allerdings nicht vor Augen. Wenn er schreibe, habe er einen inneren Film vor sich. Deswegen war es auch klar, dass es kein Happy End für die Hauptfigur geben konnte: Michael gerät immer tiefer in den Sumpf des Drogenmilieus und wird schließlich selbst zum Täter.

In diesem Punkt waren wir uns alle einig, dass nämlich die Geschichte und auch das Ende, das tatsächlich knallhart ist, nicht harmloser sein dürften. Wegen dieses Endes war der Roman zuerst von einem anderen Verlag abgelehnt worden.

Einhellig waren wir auch der Meinung, dass das Buch deshalb so spannend ist, weil es Themen behandelt, mit denen wir im Alltag konfrontiert sind. Uns wird ja sonst eher die Botschaft vermittelt, dass man nicht Opfer von Gewalt wird, wenn man selbst keine Gewalt anwendet. Doch mit der Zeit und durch erschreckende Erfahrungen auch im eigenen Freundeskreis müssen wir realisieren, dass man auch ohne Grund das Opfer von Gewalt werden und eventuell auch anderen gegenüber Gewalt ausüben kann - genau wie es Tessnow in seinem Roman beschreibt.

Auch wenn Gregor Tessnow über solche Themen schreibt, möchte er seine Leser nicht nur zum Nachdenken bringen, sondern vor allem, dass sie Spaß beim Lesen haben. Wenn sein Roman aber zum Nachdenken und Diskutieren anregt, wie es bei uns der Fall war, freut ihn das umso mehr.

Bei uns jedenfalls hat seine Geschichte verschiedene Diskussionen angeregt, z. B. darüber, was man selbst tun könnte, wenn man in eine ähnliche Situation wie die Romanfigur käme und wie diese mit ihrer Schuld weiterleben kann. Beklemmend war, dass wir keinen wirklichen Rat wussten, was man Jugendlichen, die in eine solche Situation geraten, empfehlen soll.

In jedem Falle sollten auch Eltern und Lehrer das Buch lesen, weil sie die schwierige Lage der Jugendlichen von heute oft unterschätzen. Wir würden außerdem wirklich jedem Jugendlichen empfehlen, den Roman "Knallhart" (Ueberreuter, 12,95 Euro) zu lesen. Wer nicht lesen möchte, kann auch auf die Verfilmung warten: Gregor Tessnow und sein Freund Zoran Drvenkar, ebenfalls Jugendbuchautor, arbeiten zurzeit am Drehbuch zum Roman, 2005 soll Drehbeginn sein.

Endlos hätten wir weiter diskutieren mögen mit diesem Autor. Zum Schluss sagte er: "Ich hoffe, es kommt rüber, dass ich Jugendliche ernst nehme". Ja, das kam an.

Stefanie Gabriel, Laura Hassa, Lisa Kuckeland, Janina Gellner und Lydia Stefke, Klasse 8.2.3, Clay-Oberschule, Neukölln