Besuch beim Außenminister

Interviewtermin im Auswärtigen Amt: Alina, Anastasia, Clara und David, vier junge Journalisten vom Französischen Gymnasium, trafen Außenminister Frank-Walter Steinmeier.

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Interviewtermin im Auswärtigen Amt: Alina, Anastasia, Clara und David, vier junge Journalisten vom Französischen Gymnasium, trafen Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Der SPD-Politiker sprach mit den Sechstklässlern vom deutsch-französischen Verein "Grand Méchant Loup - Böser Wolf" über Europa und Afghanistan. Und über schlaflose Nächte.

Ein Außenminister muss viel reisen. Mögen Sie das?

Nicht das Reisen ist das Problem, sondern eher die häufige Abwesenheit von zu Hause. Mich belastet das Reisen nicht so sehr, obwohl man von den Ländern, die man besucht, weniger kennenlernt, als Ihr denkt.

Wie oft sind Sie in der Woche im Ausland?

Im Schnitt zwei- bis dreimal. Viel häufiger geht es kaum, weil wir natürlich hier in Berlin auch Aufgaben zu erledigen haben.

Wie ist es mit der Zeitverschiebung, wenn Sie ständig unterwegs sind?

Vielen Leuten geht es schlecht durch die Zeitverschiebung. Viele Leute klagen über Jetlag. Bisher belastet es mich nicht.

Was macht ein Außenminister genau?

Das ist inzwischen sehr, sehr viel. Noch vor hundert Jahren hatte der Außenminister dafür zu sorgen, dass möglichst zwischen dem eigenen Land und den Nachbarstaaten kein Krieg losbricht, und man hatte Gelegenheiten zu ausführlichen Reisen in die Hauptstädte der Nachbarstaaten. Diese Zeit ist vorbei. Es ist heute ein sehr hektischer Beruf, was auch damit zusammenhängt, dass wir uns intensiv um die EU zu kümmern haben. In der Europäischen Union mit ihren 27 Mitgliedstaaten müssen alle Entscheidungen sorgfältig mit allen besprochen werden, und man muss pausenlos unterwegs sein, um keinen Streit zwischen den Partnern aufkommen zu lassen.

Was könnte man in Europa verbessern?

Vieles kann man verbessern. Die EU ist schnell gewachsen. Am Anfang war es wie eine Familie mit sechs Mitgliedern, jetzt sind wir 27. Trotzdem müssen wir auch in einer größeren EU noch in der Lage sein, schnelle Entscheidungen zu fällen. Das dauert manchmal zu lange und ist zu kompliziert. Deshalb haben sich alle EU-Mitgliedstaaten am Wochenende auf eine Reform der EU-Verträge geeinigt. Damit sollen unsere internen Verfahren einfacher und schneller werden, damit die EU handlungsfähiger wird.

Was wollten Sie als Kind werden? Auch schon Politiker?

Ich weiß nicht, ob es jemanden gibt, der als Kind geplant hat, Politiker zu werden. Ich glaube nicht. Bei mir ist es immer anders gekommen, als ich es mir vorgestellt oder geplant habe. Als ich so alt war wie Du, habe ich viel Fußball gespielt. Damals wollte ich unbedingt Sportreporter werden, und später habe ich mich für Häuser interessiert und wollte eine Zeit lang Architekt werden.

Was sind Sie dann geworden?

Nach einem Studium Jurist. Eigentlich hatte ich vor, als Rechtsanwalt zu arbeiten. Auch das bin ich nicht geworden, weil ich dann eine Weile an einer Universität als Wissenschaftler gearbeitet habe. Erst später bin ich in die Politik geraten, und das auch nicht sehr geplant. Das hat sich erst nach ungefähr fünf, sechs Jahren entwickelt, nachdem ich Gerhard Schröder in Hannover kennengelernt hatte, den früheren Bundeskanzler, der mich überredet und auch überzeugt hat, in der Politik zu arbeiten.

Gibt es Länder, in denen Sie noch nicht waren oder in die Sie auch nie fahren werden?

Wo ich nie hinfahren werde? Das darf ein Außenminister nicht sagen, selbst wenn er es wüsste. Aber wir haben über 190 Staaten, die inzwischen Mitglieder der Vereinten Nationen sind, und ich habe bis jetzt vielleicht 40 Staaten besucht. Da bleiben noch viele übrig. Also muss ich noch lange Außenminister bleiben.

Klingelt nachts das Telefon?

Häufig! Auch das hängt damit zusammen, wie friedlich oder unfriedlich die Welt gerade ist. Wenn es gerade irgendwo auf der Welt eine Krise oder einen Krieg gibt, dann informieren mich natürlich meine Mitarbeiter, wenn es etwas Neues gibt oder wenn wir irgendetwas tun müssen.

Sie haben sich früher mit Obdachlosigkeit beschäftigt, mit Armut. Wie ist das, wenn Sie in arme Länder fahren?

Wir haben im Mai eines der ärmsten Länder besucht, nämlich Afghanistan. Dort haben die Menschen über 22 Jahre Krieg und Bürgerkrieg hinter sich, und erst seit wenigen Jahren ist der Bürgerkrieg zu Ende. Leider ist es immer noch nicht so, dass Frieden im ganzen Land herrscht. Aber das ist ein Land, dem wir wegen der Armut auf vielfältige Weise zu helfen versuchen. Wir helfen dabei, eine stabile Regierung zu bilden, wir kümmern uns darum, dass die Menschen wählen können, dass die Straßen sicherer werden und sich die Menschen dort bewegen können. Wir sorgen dafür, dass Kinder wie Ihr dort in die Schule gehen können. Das betrifft vor allen Dingen die Mädchen, denen es in den zurückliegenden Jahren verboten war, in die Schule zu gehen, oder die davon abgehalten worden sind. Mich hat zum Beispiel gefreut, dass wir dort auch mit deutscher Hilfe eine Schule einweihen konnten, in der jetzt 7000 Mädchen unterrichtet werden. In mehreren Schichten am Tag, weil die Kinder so gern lernen, aber nicht genügend Lehrer und Räume für sie da sind.

Vermissen Sie Ihre Familie, wenn Sie unterwegs sind?

Meine Tochter ist ungefähr so alt wie Ihr. Da könnt Ihr Euch ja ganz gut vorstellen, wie es Euch geht, wenn ihr Eure Eltern, Eure Mütter und Väter nicht um Euch habt. Wenn ich am Wochenende zu Hause bin, dann gehe ich mit meiner Tochter zum Reitverein, oder wir fahren Fahrrad. Wenn das alles ausfällt, weil ich ständig unterwegs bin, dann vermisse nicht nur ich meine Familie, sondern hoffentlich meine Familie auch mich.

Was war das Komischste, was Ihnen bei der Arbeit passiert ist?

Das Komischste war, als ich zum Geburtstag der Deutsch-Israelischen Gesellschaft reden musste - die hatte 40-jähriges Jubiläum, und ich sollte den Festvortrag halten. Unmittelbar vor meiner Rede ist mir die Brille zerbrochen. Ich habe die einfach mit Tesafilm geklebt und die Rede mit einer geklebten Brille gehalten.